Der Produzent

Mein Anfang bei der „Lindenstraße“ – Teil I

Von 1995 bis 1997 habe ich Film studiert an der Filmakademie in Ludwigsburg. Ich wollte Drehbücher schreiben für große Kinofilme. Als ich damals – mit 24 – die Möglichkeit erhielt, mich für das Schreiben bei der „Lindenstraße“ zu bewerben, dachte ich: „Oh, das wär doch fein. Das kann ich ja mal ein oder zwei Jahre machen. Ein toller Einstieg!“ Schnitt: 15 Jahre später bin ich immer noch bei dem Laden. Gerne! Herrscher über eine kleine Welt zu sein, die Woche für Woche mehrere Millionen Menschen berührt, aufwühlt, verärgert, zum Lachen und zum Weinen bringt, lohnt sich auch langfristig. Es gibt kaum etwas, das einen Autoren – zumal in Deutschland – kreativ mehr ausfüllt. In dieser nun startenden kleinen „Reihe“ soll es darum gehen, wie damals alles begann:

Es war der Beginn des zweiten Studienjahrs. Herbst 1996. Die sogenannten Einführungswochen. Für die unteren Jahrgänge hieß das, mehr oder weniger aufschlussreiche Veranstaltungen zu besuchen, bei denen man z.B. in die Arbeit am „Zweimaschinen-Schnittplatz“ (= zwei S-VHS-Rekorder) eingeführt wurde oder alles über „Sicherheit beim Dreh“ lernen sollte. Die oberen Jahrgänge hatten derweil eintägige Seminare mit Persönlichkeiten aus Film und Fernsehen, die von ihrer Arbeit berichteten. Zum Beispiel Hans W. Geißendörfer. Ich weiß nicht mehr genau, was ich geschwänzt habe, um meinem Leben die entscheidende Wendung zu geben. Wahrscheinlich irgendwas mit 3-D-Animation, das hat mich nie interessiert. Auf jeden Fall war es für mich keine Frage, dass ich DEN Produzenten kennen lernen wollte.

Die „Lindenstraße“ fand ich damals ziemlich doof. Überhaupt waren Serien nicht mein Ding. Für mich gab es – wie gesagt – nur Kinofilme. Und für jemanden, der sich von Martin Scorsese, David Lynch oder Quentin Tarantino ernährte, war auf Video gedrehtes Studio-Fernsehen, das in einem Münchner Mietshaus spielte, harte Kost. Und: meine Güte, war das unrealistisch! Was da einer einzelnen Figur alles in kürzester Zeit zustoßen konnte. Ne, ne. Echt nicht.

Ich konnte überhaupt nur mitreden, weil ich damals eine Freundin hatte, die begeisterter „Lindenstraßen“-Fan war. Wenn ich den Sonntagabend mit ihr verbringen wollte, ging das nicht ohne diese merkwürdige Serie. Und wie so oft bei Serien: wenn man nur lange genug zuschaut, ist man irgendwann drin.  Das merkte ich allerdings erst so richtig, als ich in dem Seminarraum mit ca. dreißig Studenten aus den „höheren Semestern“ vor Geißendörfer saß. Denn während die anderen fast ausnahmslos lieber über Filmkunst und Geißendörfers zweifelsohne wichtigen Beitrag dazu reden wollten, bekam ich feuchte Hände, weil er am Anfang angekündigt hatte, die nächste Folge der „Lindenstraße“ zeigen zu wollen. Hah! ICH konnte eine Folge mehrere Tage vor der Ausstrahlung sehen. Mehr wissen als meine Freundin. Mehr wissen als die ganze Nation. Mein debiles Lächeln in die Runde stieß auf wenig Verständnis. Man wollte lieber wissen, wie das denn damals mit dem „Zauberberg“ war.

Nach der Vorführung der Folge war es ähnlich. Auf den Gesichtern der Kommilitonen sah ich Befremden oder Orientierungslosigkeit, weil man die Handlung nicht einordnen konnte. Ich war tatsächlich der Einzige, der die „Lindenstraße“ regelmäßig schaute. Gefragt wurde eher nach der Funktionsweise des Studio-Drehs oder wieso nicht „auf Film“ gedreht wird. Relativ schnell dann auch wieder was zum „Zauberberg“. Ich dagegen wollte wissen, wie genau diese kleine Welt entsteht. Wie wird sie ersponnen, zusammengehalten, weiterentwickelt? Dass das nur ein winzig kleiner Kreis von Autoren machte (damals Martina Borger und Maria-Elisabeth Straub zusammen mit Geißendörfer), fand ich unfassbar faszinierend. Ein Nebensatz von Geißendörfer elektrifizierte mich: „Wie brauchen zwar keine neuen Autoren bei der „Lindenstraße“, aber wer Lust hat, kann sich ja mal bewerben.“ Ein typischer Geißendörfer-Satz, von denen ich noch viele kennen lernte sollte. Ich beschloss, die nicht vorhandene Chance zu nutzen.

(Wenn das nicht mal ein Cliffhanger ist – mehr morgen Abend in Teil II.)

8 Kommentare

Tine

TOLL !!!!!!!

Aber muss ich wirklich bis morgen warten ?????

Michael, das hast du wirklich toll geschrieben !!! Weiter so !

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Liane

Bisher sehr interessant geschrieben und ich freue mich schon riesig auf die Fortsetzung morgen Abend und hoffe, dass die, so zum Einstiegsgeschenk ins Wochenede, etwas länger werden wird! 🙂

Finde ich klasse, dass Du schreibst, wie Du überhaupt zur Lindenstraße gekommen bist! Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute hinter der Kamera fast mehr und interessantere Dinge aus ihren Leben mit der Lindenstraße zu berichten haben, als die, die jeden Sonntag über den Bildschirm flimmern! 🙂

Also schon mal vielen Dank für den spannenden Einblick hinter den Kulissen eines Lindenstraße-Autors! 🙂

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Liane

@Tine: Ja, das habe ich auch gedacht, dass es soooo schade ist, dass wir uns noch bis morgen gedulden müssen…

Michael, Deine Blogeinträge sind momentan echt spannender, als die akutellen Lindenstraße-Folgen!

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Tanja

“ Was da einer einzelnen Figur alles in kürzester Zeit zustoßen konnte. Ne, ne. Echt nicht.“
Haha, Lindenstrasse in a nutshell. 😀

Sehr interessanter Blog!
Ich werde den gleich mal abonnieren.

Liebe Grüße 🙂

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Elless

Ich finde dein Schreibstil sehr schön. Du hast mich in den Seminarraum mitgenommen. Ich bin auf den nächsten Post gespannt. Irgendwie habe ich das Gefühl einer Genesis beizuwohnen. Danke.

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Michael

Danke schon einmal für das Lob und die Vorfreude auf den nächsten Beitrag. Aber der wird – wie angekündigt – erst heute am frühen Abend kommen …

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