Das Probedrehbuch

Mein Anfang bei der „Lindenstraße“ – Teil III

Probedrehbücher bei der „Lindenstraße“ schrieb man damals nach einem festen Muster – quasi unter vorgetäuschten realen Arbeitsbedingungen. Ich bekam an einem Freitag im Januar 1997 die Storylines für eine bestimmte Folge. Genau gesagt waren es die Lines für die Folge 627 – Marys Abschiebung nach Nigeria durch Olaf Kling. Für die Folge gab es schon ein fertiges „echtes“ Drehbuch. Aber sie war noch lange nicht ausgestrahlt – ich konnte mich also auf die Handlung nicht vorbereiten oder irgendwas „abgucken“. Zur Orientierung bekam ich noch die Geschichten aus den Folgen davor und dann ging es los: Ich hatte exakt eine Woche Zeit – bis Freitag 12:00 Uhr – um aus sechs Seiten Storylines ein 50-seitiges Drehbuch zu machen.

Zumindest mit der Abschiebung hatte man mir einen kleinen Gefallen getan, denn ich war damals bei amnesty international aktiv und mit der Thematik vertraut. Ich konnte sogar kleinere Fehler in den Vorgaben beheben. Und mich ohne lange Recherche an die Arbeit machen. Natürlich arbeitete ich in jeder freien Minute – knapste mir so viel Zeit wie möglich von meinem Studium ab. Wo man solch eine Chance Gott sei Dank wohlwollend begleitete. Alles andere wäre auch Quatsch gewesen, denn nie habe ich mehr gelernt als während meiner Anfangszeit bei der „Lindenstraße“. Vor allem aber verliebte ich mich regelrecht in die Vorstellung, seriell zu schreiben. Was sind schon 90 Minuten Film gegen die Möglichkeit, das Schicksal von 40 Figuren über Jahre zu bestimmen? Einen fiktiven Charakter so mit Leben zu fühlen, dass die Zuschauer ihn nicht mehr von der Realität unterscheiden können (was damals wie heute keine Seltenheit bei der „Lindenstraße“ ist)? Dass den gebeutelten Figuren dabei unrealistisch viele Schicksalsschläge aufgelastet werden, verstand ich längst: Das ist doch der Spaß bei der Sache. Sonst kann man ja Dokumentarfilmer werden. Entsprechend lustvoll schrieb ich also Marys Abschiebung nach Afrika. Pünktlich lieferte ich das Drehbuch ab – ohne einen blassen Schimmer, ob es wirklich gut war.

Es war … so lala. Zumindest war das mein Eindruck bei meinem zweiten Termin mit Geißendörfer in Köln, nachdem er mir meine Fehler aufgezeigt hatte. Diesmal wusste er sehr genau, wer ich bin. Wie fast alle Anfänger hatte ich mich viel zu eng an jedes Wort aus den Storylines geklammert, kaum gezeigt, was ich selbst an Ideen drauf habe. Und ich war zu unemotional. Also: meine Szenen. Eigentlich konnte man das alles so nicht gebrauchen. Wieder einmal saß ich da und wusste nicht, was seine Aussage zu bedeuten hat. War’s das? Nein, im Gegenteil. Plötzlich fragte er mich, ob ich im Mai an zwei bestimmten Wochen Zeit hätte. Rein theoretisch. Dort sollte nämlich die nächste Storylinesitzung der „Lindenstraße“ stattfinden. Von den Sitzungen hatte ich schon gehört – ich hätte meinen rechten Arm gegeben, um bei solch einem Kreativcamp dabei sein zu können. Egal ob ich Zeit hatte oder nicht. Eigentlich hatte ich keine Zeit, weil ich an der Filmakademie einen Kurzfilm drehen sollte, aber das war jetzt nicht wichtig. Wichtiger war die Frage: Es gab doch Autoren?! Tja, da seufzte Geißendörfer. Offensichtlich hatten die beiden Autorinnen Straub und Borger sich von der „Lindenstraße“ verabschiedet, um sich voll und ganz auf ein anderes Projekt konzentrieren zu können. Eine wöchentliche ARD-Serie namens „City Express“ …

Ich war also zur rechten Zeit am rechten Ort. Geißendörfer stellt ein neues Autorenteam zusammen. Und ich gehörte plötzlich zu dem Duzend Probanden, das in Frage kam. Dazu sollte ich allerdings mein Probedrehbuch noch einmal überarbeiten. Und ein zweites schreiben. Und zwar möglichst sofort. Mit wieder nur einer Woche Zeit. Für beides. Geht das? Geißendörfer wusste offensichtlich, dass er einem Anfänger eine Menge abverlangte, aber er stand nun unter einem gewissen Zeitdruck. Ich sagte zu. Natürlich.

(Wie es weiterging dann morgen Abend im vierten und letzten Teil.)

(Wer so lange nicht warten will, kann mehr über meinen Einstieg bei der „Lindenstraße“ und meine sonstige Arbeit auch in einem sehr schönen Audio-Interview von Julian Schlichting hören, das seit heute auf dem Sprechplanet zu hören ist!)

4 Kommentare

Anja

Ich hätte nie gedacht, dass ich DAS mal an einem Wochenende frage: Wann ist endlich Sonntag Abend? 😉

Deine Schreibe ist wirklich toll. Ich meine, außer, dass ich gern lese, verstehe ich nicht wirklich was davon. Aber Du reißt mich mit. Hast Du eigentlich schon mal an einen Roman gedacht?

Verblüffend ist immer, wie oft sich im Leben die tollsten Wege und Chancen ergeben. Wie Du schon sagst: zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wie oft steht man vor Entscheidungen, die nicht so wichtig aussehen, die aber trotzdem Dein ganzes Leben verändern können. Das kann auch beim nächsten Einkauf an der Käsetheke sein: nimmst Du den Camembert oder den Hartkäse. Es sind nicht immer die großen Momente, wo man ganz genau fühlt „uuuuh, das ist jetzt so einer! Hiervon hängt mein ganzes Leben ab!“. Und das macht Mut! Also, mir jedenfalls! Mich interessieren so viele Dinge, und trotzdem hat es noch nicht so richtig KLICK gemacht, was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen möchte. Ich weiß nicht, obs besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, um besser zu sein. Geklauter Spruch, ich weiß. Vielleicht sollte ich auch mal anfangen zu bloggen… ;-).

Mach bitte weiter so!

LG Anja

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Michael

Das ist ein sehr schöner Kommentar. Vielen Dank!

Was den Roman angeht: Ich hab sogar mal einen geschrieben. Den wollte aber keiner. Vielleicht gehe ich das irgendwann noch einmal an … 🙂

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JP

Boah, City Express. Die Serie hatte ich vollends verdrängt.

Vielen Dank für die Einblicke hinter die Autoren-Kulisse!

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