Mein erster Oscar

Ich hab ja schon einmal einen Oscar bekommen. Hier:

Okay, natürlich war es nicht mein eigener. Es war aber trotzdem aufregend und ich musste damals den Reflex unterdrücken, spontan der Academy und meiner Mutter zu danken. Man zählte das Jahr 1993 und ich war nach meinem Zivildienst für sechs Wochen zu einem Austausch nach Kalifornien gefahren. Das ganze hieß zwar „Exchange-Program“, aber es wurde eigentlich nichts ausgetauscht. Vielmehr kam ich in einer netten Familie unter, die in Simi Valley lebte. Eine Kleinstadt vor den Toren von Los Angeles, die kurz zuvor dadurch aufgefallen war, dass dort der Rodney-King-Prozess stattgefunden hatte. Die Älteren werden sich erinnern: „Cant’t we all get along?

Meine amerikanische Familie lebte in einer netten Einfamilien-Haus-Gegend. Es gab eine Mom, einen Dad, drei erwachsene Kinder, die außer Haus waren, und – offensichtlich hatte man ein großes Herz – noch eine siebenjährige Adoptivtocher sowie ein Pflegebaby. Ich fügte mich da irgendwie nahtlos ein. Und fiel vor allem dadurch auf, dass ich „zu Fuß“ durch „die Stadt“ bummeln wollte. Was angesichts fehlender Fußgängerwege und fehlendem Stadtkern nicht möglich war. Es war offensichtlich meine erste Begegnung mit amerikanischen Kleinstädten. So galt ich schnell als verschroben. Auch dass ich ständig ins Kino wollte oder alle möglichen Filme auf Video auslieh, die in Deutschland noch nicht einmal im Kino liefen, wurde mit einem seufzenden Schulterzucken hingenommen. The crazy German guy.

Immerhin hatte man irgendwann kapiert, dass ich mich für Filme interessierte und erzählte mir beiläufig, als es auf die Oscar-Verleihung zuging: „Oh, by the way, our neighbour is nominated for an Oscar.“ Da klappte mir natürlich die Kinnlade runter und fortan beäugte ich die andere Straßenseite, wo Tom McCarthy wohnte, mit neuem Respekt. Tom McCarthy hatte im Jahr zuvor die Soundeffekte zu Francis Ford Coppolas „Dracula“ gemacht und war in dieser Funktion nun also nominiert.

Selten machte das Anschauen der Verleihung so viel Spaß. Nicht nur musste ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht mitten in der Nacht aufstehen, sondern vor allem drückte ich erstmals jemandem die Daumen, der nun immerhin mein Nachbar war. Und als er dann auch noch gewann, jubelte ich zusammen mit Mom und Dad voller Begeisterung. Auch wenn Soundeffekte mich bis dahin nicht die Bohne interessiert hatten. Noch glücklicher aber war ich, als zwei Tage später Mom nebenbei verkündete: „Well, we’re invited to a party at Toms place. You wanne come?“

Natürlich wollte ich und so betrat ich am Abend mit feuchten Händen das Haus des Oscargewinners. In einem Zimmer war ein riesiger Videobeamer aufgebaut, der immer und immer wieder den für ihn entscheidenden Moment der Oscar-Verleihung zeigte. Und dort stand natürlich auch er selbst, höchstpersönlich: Der Oscar. Ich wurde prompt Tom vorgestellt. Ein kleiner, freundlich lächelnder Glatzkopf, der mich sofort ins Herz schloss. Zumindest redete ich mir das ein. Anders hätte ich schwer jemandem erklären können, warum ich keine Skrupel hatte, ihm für den gesamten Rest des Abends nicht von der Seite zu weichen. Er hatte auch schon öfter für Spielberg und andere Größen gearbeitet, war für den Ton von „Jenseits von Afrika“ verantwortlich und seine Anekdoten von Coppolas Ranch im Napa Valley, wo sie zwischen den Weinbergen „Dracula“ geschnitten und gemischt hatten, konnte ich unzählige Male hören.

Die restlichen Partygäste nickten zu seinen Erzählungen eher amerikanisch oberflächlich. „Well, isn’t that amazing?“ Aber ich stellte ernsthafte Nachfragen und so bot mir der gute Mann dann auch noch von alleine an, dass seine Frau uns beide zusammen mit dem Oscar ablichten könnte. Eine Polaroidkamera war schnell zur Hand und plötzlich wurde mir der andere kleine Glatzkopf in die Hände gedrückt. Eins kann ich hier und jetzt verraten: Das Ding ist sauschwer! So stand ich dann da also da, in meiner Hand der Academy Award und es ist ja wohl klar, was ich in dem Moment gedacht habe: Das hier … das in meiner Hand, das ist nur der erste …

(Das Foto ist mir dieser Tage beim Entrümpeln des Kellers in die Hände gefallen. Ich wähnte es schon verloren und bin nun entsprechend erleichtert. Kommentare über die Frisur oder das Outfit bitte ich zu vermeiden. 🙂 Der obige Text basiert auf einem alten Text von mir, den ich vor vielen Jahren für jetzt.de geschrieben hatte.) 

3 Kommentare

Anja

Hübsche Geschichte! Ist sicher eine sehr prägende Erfahrung für Dich. Wenn schon kein Oscar hoffe ich, dass Dich zumindest mal ein Fernsehpreis erreicht.

Lustigerweise steht das Foto aufm Kopf, wenn man es zum Vergrößern anklickt. Also kann man gaaaaar nix zur Optik sagen (warum denn auch??) :-P. Bist aber ’n langer Typ! 🙂

LG

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Michael

Das mit dem Kopf stehen haben schon mehrere gesagt. Bei mir ist es aber richtig und ich hab keine Ahnung, wie ich das korrigieren kann. Computer umdrehen? 🙂

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Anja

Jaja! Wenn ich böse wäre, würde ich sagen: Die Mac-User diskriminieren die Windows-Nutzer ;-). Ich möchte hier nicht schildern, wie verrenkt ich mich vor meinen Monitor gestellt habe, um das Foto anzugucken. Kommt davon wenn man neugierig ist.

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