Immer wieder montags …

Es gibt ja tatsächlich immer noch „Lindenstraße“-Zuschauer, die sich wundern, wie wir bei politischen Themen so aktuell sein können. Von hellseherischen Fähigkeiten bis zu Live-Ausstrahlungen der Sendungen wurde uns da schon viel unterstellt. Die Antwort ist natürlich banaler: Wir drehen zumeist eine Szene kurz vor Ausstrahlung neu. Ab kommenden Sonntag laufen in der „Lindenstraße“ wieder Folgen, die ich geschrieben habe. Das bedeutet für mich, dass ich nun wieder mit dem „Aktualisieren“ dran bin. Denn für die aktuelle Szene ist auch immer DER Autor verantwortlich, der die Folge geschrieben hat. Das geht dann so:

Spätestens montags setzt man sich mit der Produktion in Verbindung und wirft gemeinsam einen Blick auf die Folge vom kommenden Sonntag.
Haben wir noch Platz in der Folge?
Ne, meistens nicht. Die muss ja die richtige Länge haben, falls wir keine Aktualisierung hinbekommen. Nur ganz selten ist eine Folge zu kurz geworden, so dass wir aktualisieren MÜSSEN. Das plant man dann aber in der Regel schon etwas langfristiger.

Gibt es eine Szene, in der man etwas entbehren kann?
Als Autor schreit man instinktiv: „Nein! Das hab ich mir doch alle so schön ausgedacht!“ Aber natürlich kann man immer irgendwo etwas streichen, um Platz für das aktuelle Thema zu machen. Manchmal ist man sogar ganz froh, weil vielleicht ein Dialog doch nicht so toll war, wie man beim Schreiben dachte …

Szene ist gefunden. Nächste Frage: Sind die Schauspieler greifbar?
Natürlich müssen mindestens wieder die vorkommen, die auch in der Original-Szene waren. Wenn die gerade auf Kreuzfahrt sind oder eine Freistellung haben (weil sie z.B. woanders drehen), kann man die Szene vergessen. Sind Kinder drin oder Gastauftritte, taugt die Szene sowieso nichts. Wenn man als Autor ganz besonders nett ist, guckt man bei der Auswahl der Szene auch mal in den Drehplan und sucht von vorneherein nach Szenen mit Leuten, die in dieser Woche drehen, also eh da sind.

Schauspieler sind da, okay. Kann man noch in dem Motiv drehen?
Das Problem wird gerne unterschätzt. Ins Auge fällt es, wenn ein Motiv ab- oder umgebaut wurde, weil jemand auszieht. Aber diese Woche hab ich z.B. die Ansage: Weihnachtsdeko ist schon im Café Bayer. Also kann man dort nicht drehen, sähe im September albern aus. Da die Aktualisierung immer eine Szene ist, die zusätzlich in den Drehplan gedrückt wird, kann man auch nicht mal eben alles wieder umbauen.

Aber sagen wir mal, das Motiv steht noch und hat sich nicht verändert. Parallel schaut man bereits nach dem aktuellen Thema und fragt sich nun:
Passt das irgendwie zu den Figuren und der Situation, in der sie stecken?
Oft passt es nicht. Natürlich kann man immer jemanden mit einer Zeitung auftauchen lassen, der dann einfach das Thema anschneidet, aber richtig gut wird es erst, wenn man irgendwie einen kleinen Bezug zur Figur und ihrer Geschichte herstellen kann. Eine meiner Lieblingsaktualisierungen gab es in Folge 793, als Heiko und Iffi sich über die (reale) Schließung des Theaters in Rostock aufgeregt haben, nachdem sie in der Fiktion ja dort gearbeitet hatten. Damals hat die Aktualisierung sogar etwas bewirkt!

Hat man nun also Szene, Thema und auch eine Idee, legt man als Autor los und schreibt montags oder dienstags die Szene, damit sie mittwochs oder spätestens donnerstags gedreht werden kann. Freitag wird sie dann geschnitten und kommt in die Tonmischung. Kniffelig wird es daher, wenn es um aktuelle Ereignisse geht, die sich noch entwickeln. Die „Lindenstraße“ spielt immer an dem Donnerstag vor der Ausstrahlung. Wenn ich aber am Dienstag schreibe, in Fukushima kann jeden Moment das AKW in die Luft gehen, aber am Donnerstag ist es schon längst hochgegangen, ist das mehr als unpassend. Entweder lässt man dann lieber die Finger von dem Thema oder man formuliert sehr allgemein gehalten. Wie bei Fukushima in Folge 1320 geschehen: Antonia hat Angst vor einer radioaktiven Wolke und die Erwachsenen regen sich über die Reaktion der deutschen Politik auf. Eine andere Möglichkeit, mit offenen Entwicklungen umzugehen: Man rät. Hab ich auch mal gemacht, als sich erst freitags entschied, ob Merkel oder Stoiber Kanzlerkandidat wird. Else setzte in der Aktualisierung der 841 auf Stoiber und lag richtig …

Wenn man nun all dies bedacht hat und die neue Szene fertig ist, geht sie erst einmal an den großen Meister und die Redaktion des WDRs. Natürlich kann es dann noch einmal zu Diskussionen kommen, Änderungswünschen usw. Jeder hat da so seine Steckenpferde, aber mit Geduld und Beharrlichkeit bekommt dann meist doch die Aktualisierung, die man möchte. Es sei denn, in letzter Sekunde tauchen noch weitere Probleme auf:
„Äh, ja, alles super, Szene ist abgenommen. Aber kann die Szene auch am Tisch im Sitzen spielen?“
Eigentlich sollte in der Szene jemand reinkommen. Warum muss der jetzt sitzen?
„Ja, über die Sommerpause hat Schauspieler X so viel zugenommen, dass ihm die Hose aus der Originalszene nicht mehr passt. Und die Hose hat Anschluss! Wenn er am Tisch sitzt, können wir die Hose verstecken.“

„Anschluss“ heißt, dass er die Hose in einer späteren Szene auch noch trägt. Denn natürlich muss alles noch so aussehen wie beim Dreh der restlichen Folge vor drei Monaten. Zum Beispiel auch die Frisuren – ein Grund, warum gerade weibliche Figuren überdurchschnittlich oft in Aktualisierung aus der Dusche kommen (und ein Handtuch um den Kopf haben). Das mit der Hose denke ich mir nicht aus. Ist wirklich passiert. Aber auch so etwas bekommt man dann irgendwie hin. Dann sitzt er halt.

Sind dann endlich alle Hürden genommen, kann endlich, endlich die Szene gedreht werden, damit dann am Sonntag wieder alle staunen und sich fragen: Wie haben die bei der „Lindenstraße“ das nur gemacht? Und montags geht es dann von vorne los …

6 Kommentare

Anja

Wenn ich das so lese, wäre ich zu gerne mal ein Mäuschen, das hinter den Kulissen ein wenig rumlaufen darf und dabei nicht auffällt. Würdest Du mir abnehmen, dass ich einen Artikel über Dich schreiben muss und mir das gaaaaaaanz aus der Nähe angucken muss? 😉

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Andrea

Ich hab da auch noch ne Idee,

Für die Aktualisierung muss ja immer die alte szene oder teile der szene dran glauben. Wäre doch ein tolles Bonus für eine Dvd box ein special mit den szenen die wegen einer aktualisierung geändert wurden

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Michael

Das habe ich tatsächlich schon mal vorgeschlagen. Oder auch, dass man die „überflüssige“ Szene nach der Ausstrahlung bei youtube reinstellt. Fände ich auch cool. Mal sehen, ob es umsetzbar ist …

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Silke

Vielen Dank für diese Erklärung, ich fand das sehr interessant!
Du schriebst irgendwo, eine Staffel sind 26 Folgen, d.h. du bist jetzt 26 Wochen lang mit Aktualisieren dran? Ganz schön viel zusätzliche Arbeit, oder?

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Michael

Nein, die Staffel wird ja aufgeteilt unter allen Autoren. Ich schreibe in der Regel 12 Folgen. Also bin ich nun zwölf Wochen dran …

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