Ich möchte einfach nur allein sein

Es gibt einen wunderbaren – wenn auch bösen – Film namens „Happiness“ (Buch und Regie: Todd Solondz), in dem der in die Jahre gekommene Vater dreier Töchter sich von seiner Frau scheiden lässt mit der ernst gemeinten Begründung: „Ich möchte einfach nur allein sein.“ Seit meine Frau und ich den Film (wieder-) gesehen haben, kursiert bei uns auch der geflügelte Ausdruck: „Ich möchte einfach nur allein sein.“

Niemand will sich hier scheiden lassen, aber wir konnten diesen Mann richtig gut verstehen. Bei drei Kindern! So viele haben wir zwar nicht, aber spätestens seit es zwei sind, gibt es so gut wie keine privaten Momente mehr. Weder zu zweit noch alleine. Immer ist irgendwas. Hunger, Windel voll, Mobiliar zertrümmert, Langweile, vor den Türrahmen gerannt, kann nicht einschlafen, Windpocken usw. Und wenn man es dann mal geschafft hat, beide irgendwie zur Ruhe zu kriegen, fällt einen sofort ein riesiger Berg liegengebliebener Arbeit an. Wenn es noch normale Arbeit wäre – meist ist es Alltagskram wie neues Mobiliar bestellen, die Arztrechnungen der Kinder bezahlen oder  Nudeln einkaufen. Man beginnt tatsächlich, vor sich und seinem Partner laufend zu rechtfertigen, warum man jetzt mal Fußball guckt oder einen Kaffee trinken geht. Obwohl man das kostbare Gut Zeit doch anders nutzen müsste.

Eine Zeit lang war ein Mini-Rettungsanker in dieser Misere, dass man sich auf die Toilette zurückzog und dem Partner die beiden Monster überlies. Dank iPhone kann man selbst dort mittlerweile surfen. Dumm nur, dass mein Sohn sich aus persönlichen Gründen gerade ungemein für das zur Toilette gehen interessiert und er darauf besteht, jedes Mal wenn man wirklich mal alleine sein will mitzukommen. Spätestens wenn er vor einem steht und im richtigen Moment Toilettenpapier anreicht, weiß man, dass das mit der Privatsphäre auch durch ist.

Wenn du die Kinder zum Lachen bringen willst, dann mach Pläne. Ein Abendessen mit Freunden, bei dem man haarklein überlegt hat, wer wann isst und ins Bett geht, um schnellstmöglich den Wein mit den Gästen genießen zu können, endet fast zwangsläufig damit, dass die Kleine entgegen ihrer Angewohnheit ewig nicht einschläft und der Große dann natürlich auch nicht ins Bett will. Also sitzt man um zehn Uhr noch mit den geduldigen Gästen da und erzählt, wie toll südländisch das doch ist – mit den Kindern am Abend und so.

Gnade kennen die Kleinen sowieso nicht. Wenn man sich nach gefühlten zwei Stunden Sandburgen bauen am Strand in seinen Liegestuhl werfen will und sagt: „Der Papa macht jetzt mal Urlaub!“, kommt prompt voller Empörung zurück: „Nein, Papa, nicht Urlaub machen!“ Und die Übungen für die Rücken, die man wegen Problemen mit der Bandscheibe machen muss (Kinder schleppen!), gehen im Beisein der Kinder auch nur im Schnelldurchlauf und mit einem Legoturm auf dem Rücken.

Gestern hielten wir uns mal wieder für besonders clever. Hochzeitstag. Wir wollten ein kleines bisschen Zweisamkeit. Und da bei einem Abendessen mit der ganzen Familie eher das Gegenteil der Fall ist, verlegten wir das romantische Restaurant-Dinner einfach auf den Mittag. Der Große ist dann im Kindergarten und die Kleine wird so abgefüttert, dass sie einschlafen wird. Soweit der Plan. Um kurz vor Zwölf rief dann der Kindergarten an: Dem Jungen geht’s nicht gut. Fieber. Er verlangt nach seiner Mama. Selbstredend war das Fieber nach einem ausgedehnten Mittagsschlaf (während dem die Kleine dagegen kein Auge zugetan hat) wieder verschwunden und das Kind am Abend putzmunter. Vielleicht sollten wir doch noch mal über eine Scheidung nachdenken. Dann fallen zumindest die Hochzeitstage nicht mehr ins Wasser.

Insofern ist es eigentlich erstaunlich, dass der Vater in „Happiness“ es ausgehalten hat, bis seine Kinder längst erwachsen waren. Übrigens:  Allein ist er entgegen dem Filmtitel auch nicht glücklich geworden …

10 Kommentare

Edith Nebel

Der außer Haus berufstätige Mensch kann sich wenigstens ins Büro ver… , äh, zurückziehen. Wer seinen Arbeitsplatz daheim hat, hat diesbezüglich natürrrrlich die A***karte in Platin mit Lorbeerkranz.

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Michael G.

Wenigstens kannst Du noch mit einem Schmunzeln (hast du doch, oder?) darüber schreiben. 😉 Beim nächsten Link zu einem Film, probier doch mal IMDB.com aus, da gibt es wie ich finde mehr und bessere Infos.

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Michael

Wir schmunzeln nicht nur, wir müssen oft laut lachen. 🙂

IMDB finde ich ein wenig unübersichtlich für einen kurzen Blick, aber ich nehme eh mal diese und mal jene Seite.

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Silke

Das mit dem Hochzeitstag ist uns original auch passiert! Wir waren gerade auf dem Weg zum Restaurant, da kam der Anruf aus der Kita…
Allerdings war er dann auch wirklich krank.
Heute wollten mein Mann und ich uns einen schönen Tag zu zweit machen, schon seit Monaten geplant – heute morgen wacht unser Kleiner auf und hat 39,2 Fieber..
Aber trotzdem ist der kleine Schatz das Beste was uns je passiert ist, und aus deinem Bericht ist zu erkennen, dass das bei euch auch so ist 😉

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Michael

Dass es bei Euch genauso war, ist echt witzig. Ich denk ja manchmal, die haben so einen sechsten Sinn, wann es gerade überhaupt nicht passt!

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Melisa

Die Kleinen spüren einfach, wenn die Eltern mal was ohne sie machen wollen!

Deine Texte sind immer so herrlich erfrischend geschrieben, Michael! Vielen Dank dafür! Ich lese sehr gern in Deinem Blog 🙂

Liebe Grüße
Melisa

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Zora

Schön, dass es Anderen auch so geht! Unsere Zwei sind jetzt schon groß, aber diese Situationen kenne ich noch zu gut. Im Nachhinein kann man immer wieder drüber schmunzeln, aber manches Mal wenn man in der Situation drin steckt, fühlt man sich wirklich wie im falschen Film. Aber wie humorvoll und lebendig Sie die Momente beschreiben ist einfach nur klasse, ich sehe es quasi vor meinem inneren Auge und muss einfach lachen. Vielen Dank fürs teilhaben lassen!

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