Add a friend

Als Drehbuchautor erlebt man immer wieder Moment einer leicht gespaltenen Persönlichkeit. Man wünscht jeder neuen deutschen Serie, das sie Erfolg haben möge – denn dass kann ja nur positive Auswirkungen auf die eigene Arbeit haben. Gleichzeitig ärgert man sich, wenn die Drehbücher selbiger Serie nicht das Maximum rausholen und so ein Erfolg also zweifelhaft wäre.

Ein wenig geht es mir so mit der neuen Serie „Add a friend“, der ich gleich aus mehreren Gründen nur das Beste wünsche – genau wie fast alle anderen Professionellen der deutschen Fernsehbranche, die „in Fiktion machen“. Zumindest klingt es so, wenn man mit Kollegen redet. Denn „Add a friend“ ist die erste Serie, die bei einem deutschen Pay-TV-Sender produziert wurde und entsprechende Freiheiten genießen durfte. Freiheiten jenseits von Quotendruck, Redakteursängsten und starren Formaten (also ausnahmsweise mal kein Krimi!).  Schon allein bei dem Wort „Pay-TV“ kommen Assoziation von HBO und Showtime hoch – den US-Sendern, die mit Serien wie „Sopranos“, „Sex and the City“, „Six feet under“, „The Wire“ oder „Dexter“ immer wieder neue Maßstäbe im Serienbereich gesetzt haben.

Nun hat aber TNT, auf dem „Add a friend“ seit Mitte September jeden Mittwochabend läuft, nicht annährend so viele Zuschauer und damit auch nicht annähernd so viel Geld wie die amerikanischen Vorbilder und das merkt man leider schon bei diesem ersten durchaus sympathischen Versuch, es „anders“ zu machen. Die Grundidee, dass die Figuren mehr oder weniger komplett über Video-Hangouts in Google+ kommunizieren, weil die Hauptfigur nach einem Unfall ans Krankenhausbett gefesselt ist, gefällt mir sehr gut. Aus der Not eine Tugend gemacht. Das funktioniert für mich auch – besonders durch exzellente Schauspieler. Dass Ken Duken letztlich nur sein Gesicht zum Spielen bleibt, scheint ihn eher zu beflügeln als einzuschränken.

Aber bei der Entwicklung der Drehbücher hätte man durchaus etwas mehr Zeit und/oder Geld in die Hand nehmen können. Denn den Figuren fehlt leider die Tiefe, das Besondere, das, was die amerikanischen Serienhelden eben ausmacht. Ich bin sicher kein Gegner von Klischees – für den Anfang sind sie meist sogar notwendig. Aber man muss sie auch brechen können, mit ihnen spielen, sie aufregend weiterentwickeln. Das fehlt bei „Add a friend“ trotz vieler schöner kleiner Einfälle leider zu oft. Zumindest in den bisher gesendeten fünf Folgen. Hinzu kommt, dass der Genre-Mix nicht innovativ rüberkommt, sondern unentschlossen. In der Ausstattung und Figurenzeichnung tauchen zuweilen die „Mad Men“ auf, die Dialoge versuchen sich an „Doctor’s Diary“ und die Cliffhanger wirken schon fast etwas unfreiwillig komisch, wie bei „Lost“ entlehnt. Das ist für mich kein gesunder Mix. Sondern einer von mehreren Fehlern in der Buchentwicklung.

Von außen kann man schwer beurteilen, wo genau diese Fehler herkommen. Die beiden Autoren Christian Lyra und Sebastian Wehlings sind als Serien-Autoren noch komplett unerfahren. Was ein Faktor sein kann, aber nicht muss. Als Basis für die Arbeit hätte ich die Figuren und Geschichten durchaus interessant gefunden, aber es fehlen die nächsten Schritte. Also können die Defizite auch daher rühren, dass man nicht das Geld (bzw. die Zeit) hatte, um Bücher liegen zu lassen, mal Dramaturgen dran zu setzen oder noch eine Fassung zu schreiben. Viel zu oft wird nämlich unterschätzt, dass auch gute Drehbücher entsprechend kosten …

Ist die Serie nun ein Erfolg? Jaein. Zehntausend Zuschauer sind sicher nicht das, was man im Fernsehen gewohnt ist. Aber es sind komplett andere Rahmenbedingungen als im „Free-TV“ und die mediale Aufmerksamkeit war enorm. Das ist schon ein kleiner Erfolg für sich. Der – genau wie das Projekt als Ganzes – Mut macht, dass sich etwas im deutschen Seriengeschehen bewegen könnte. Man muss jetzt nur darauf aufbauen. Aber Sky denkt ja auch bereits über eine eigene Serie nach …

Außerdem zum Thema Erfolg: Ich hab mir extra wegen dieser Serie TNT zugelegt, was ja ziemlich genau der Senderstrategie entspricht. Und ich werde heute Abend wieder einschalten. Denn wie es nun ausgeht, interessiert mich schon!

Hier der Trailer zu „Add a friend“

 

1 Kommentar

Michael G.

Sehr gut zusammengefasst! Auch ich bin gespannt wie es weiter geht. Finde den Auftritt der Eltern immer sehr lustig, was sicher auch an den herrvoragenden Schauspielern liegt.

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