Die Sache mit dem Truthahn

In der Türkei ist ja im Allgemeinen das Neujahrsfest die große Feierlichkeit in der Winterzeit. Natürlich gibt es kein Weihnachten. Dafür kommen die Familien rund um den Jahreswechsel zum großen Festessen zusammen und beschenken sich. Es gibt sogar einen Weihnachtsbaum mit blinkenden Lichtern und natürlich: Einen Truthahn.

Vor drei Jahren habe ich einmal am Silvesterabend meinen berühmten Niedrigtemperatur-Truthahn gemacht, der hier mit Begeisterung aufgenommen wurde. Bei jedem späteren Besuch wurde von diesem wundervollen „Hindi“ (türkisch für Truthahn) geschwärmt. Immer wieder erzählte man beeindruckt, dass der Vogel zehn Stunden im Backofen gewesen ist. Und trotzdem so zart! Wahnsinn, wie hat der „Enischte“ (türkisch für Angeheirateter) das nur gemacht! Schon als vor Monaten unsere Reise rund um Silvester feststand, kamen die klare Ansagen: Der Enischte muss zu Silvester wieder seinen berühmten Zehn-Stunden-Hindi machen!

Gestern war es dann so weit. Früh am Morgen stand ich schon in der Küche, trennte den Truthahn-Hals ab, machte die Füllung, wusch und würzte das Tier, alles mit leerem Magen vor dem Frühstück. Die eigentliche Herausforderung bei dieser Art zu kochen. Der Truthahn wird dann für eine Stunde bei hoher Temperatur angebraten und danach für neun Stunden bei 80 Grad geschmort, bis er kurz vor Schluss noch mal richtig Hitze bekommt. Das Resultat ist tatsächlich immer saftiges Fleisch, das vom Knochen fällt. Sehr lecker. Alles lief nach Plan. Nebenbei merkte ich allerdings an, dass der Truthahn mit seinen 5 ½ Kilo möglicherweise etwas knapp kalkuliert sein könnte für elf Erwachsene und drei Kinder. Sollten wir nicht sicherheitshalber noch eine Keule dazu nehmen?

Im Ofen

So etwas darf man nicht gedankenlos daher sagen. Nicht in meiner türkischen Familie. Die Aussicht, dass es eventuell ganz vielleicht nicht reichen könnte (die bei ca. zwanzig weiteren Köstlichkeiten als Beilagen eh nicht real war), setzte enorme Dynamiken in Bewegung, die natürlich auf Türkisch abliefen, also unbemerkt von mir. Gerade als ich dachte, ich hätte den berühmten Zehn-Stunden-Hindi erfolgreich in den Ofen gebracht, erschien ein Lieferant mit einem weiteren Truthahn. Man hatte direkt ein ganzes Tier bestellt.

Diesen Truthahn mochte ich nicht. Erstens sah er nicht so schön aus wie der andere. Zweitens war der taugliche Backofen nun belegt und wir hatten nur noch einen unkontrollierbaren Umluft-Backofen zur Verfügung, bei dem man keine 80 Grad einstellen konnte und vor allem war nun nicht mehr genügend Zeit für einen weiteren berühmten Zehn-Stunden-Hindi. Außerdem war es natürlich vollkommen übertrieben, noch einen Truthahn zu machen. Lustlos füllte ich auch diesen Vogel und beschloss, ihn einfach am späten Nachmittag bei hoher Temperatur in den Backofen zu hauen – old school. Wahrscheinlich würde ein trockenes, langweiliges Ding entstehen, aber wir hatten ja den berühmten Zehn-Stunden-Hindi.

Es kam der Abend, an dem ich aufgrund des leckeren Weins und netten Besuchern beim Hin- und Herlaufen zwischen zwei Wohnungen, Backöfen und Hindis leicht den Überblick verlor und irgendwann feststellen musste, dass der vermeintlich taugliche Backofen mit meinem berühmten Zehn-Stunden-Hindi so gut wie gar nicht erhitzt hatte. Im Ofen herrschte eher die Temperatur eines lauen Sommerabends. Das war dann doch zu niedrig. Dafür sah der doofe Old-School-Hindi aus wie aus dem Kochbuch: Knusprig, saftig, lecker. Und die Familie hatte Hunger.

Na ja, was soll ich sagen? Es waren alle einmal mehr begeistert vom Hindi, den der Enischte gemacht hatte. Wie er das nur immer hinbekommt? Den erstmals anwesenden Gästen wurde ehrfurchtsvoll erklärt, wie trickreich ich vorgehe. Zehn Stunden und so. Unvorstellbar. Alle gratulierten und freuten sich. Ein Truthahn (und die zwanzig Beilagen) reichte dann auch vollkommen aus, um die ganze Runde mehr als satt zu bekommen. Es war ein schöner Abend.

Der perfekte Truthahn

Heute Abend gibt es übrigens Truthahn. Den berühmten Zehn-Stunden-im-Backofen-und-vierundzwanzig-Stunden-im-Kühlschrank-Hindi.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern meines Blogs ein wundervolles, spannendes und glückliches Jahr 2013!

1 Kommentar

zora

Köstlich! 🙂

Ich wünsche dir und deiner Familie ein wunderschönes, friedliches, gesundes und erfolgreiches Jahr 2013!

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