Fernsehen ist durch

Man muss kein Prophet sein, um das vorherzusehen: In fünf, spätestens zehn Jahren wird es das Fernsehen, so wie wir es heute kennen, so wie es die meisten von uns ihr Leben lang kannten, nicht mehr geben. Dass ein Sender bestimmt, was wir wann anschauen, wird allenfalls bei Live-Events bzw. Sportübertragungen noch eine Rolle spielen. Alles andere wird eine ähnliche Relevanz haben wie Vinyl – also nur noch für Liebhaber oder die Leute, die sich nicht umgewöhnen können oder wollen.

Die Zeichen dafür verdichten sich. Hier meine höchst subjektive Top-3-Beobachtungen, die gerade mal wieder diese These stützen:

1. Eine neue Generation Fernseher

Fernseher

Ich habe mir nach vielen Jahren einen neuen Fernseher gekauft. Der ist ungelogen 1/50 so dick wie der, den ich davor hatte. Aber das und auch solcher Schnickschnack wie 3D ist nicht das Besondere. Das Besondere ist, dass ich mit diesem Fernseher nun alles Mögliche mache – nur nicht fernsehe. Zumindest nicht auf die herkömmliche Weise. Ich schaue Fußball im Pay-TV, ich gucke Serien auf DVD, ich schaue Filme On-Demand, ich spiele auf der Xbox, ich streame die „Lindenstraße“ aus dem Internet und schaue sie mir bildfüllend in HD an! Aber ich habe in dem Monat, in dem ich das Ding besitze, kein einziges Mal einen herkömmlichen Sender eingeschaltet außer bei der Platzbelegung auf meiner Fernbedienung. Offensichtliche Zeitverschwendung.

2. House of Cards

Ich habe „House of Cards“ gesehen. Diese amerikanische Politthrillerserie gehört mit Sicherheit zu den besten Serien der letzten Jahre. Hauptdarsteller ist Kevin Spacey, Regisseure sind Hollywoodgrößen wie David Fincher oder Joel Schumacher. Die Produktion der ersten beiden Staffeln soll über 100 Millionen Dollar gekostet haben. Und der Clou ist: Das Ding lief bei keinem Fernsehsender, sondern auf der Film-Streaming-Website Netflix. Premiere hatten alle 13 Folgen der ersten Staffel an einem einzigen Tag! Womit man dem eh immer wichtiger werdenden Bedürfnis des Binge-Watchings  – also dem Schauen möglichst vieler Folgen am Stück – gerecht wird. Und damit auch dem Bedürfnis nach dem tiefen Eintauchen in eine Geschichte, in Charaktere, in Themen – ohne aufgezwungene Unterbrechung. In epischer Länge. Das Bedürfnis ist größer als je zuvor. Und wie Kevin Spacey in seiner viel beachteten Rede in Edinburgh sagt: „All we have to do is give it to them!“ Da Netflix keine Zuschauerzahlen veröffentlicht, kann man nur darüber spekulieren, wie erfolgreich im Sinne von erreichten Zuschauern die Serie war, aber da der Internetriese seitdem mit der Fortsetzung von „Arrested Development“ und „Orange is the new black“ (einer amerikanischen Variante von „Hinter Gittern“ …) zwei exklusive Webserien nachgelegt hat, muss es sich zumindest rechnen.

Hier ein Auszug aus Spaceys Rede:

 

3. Die deutschen Sender

Meine dritte Beobachtung bezieht sich auf den deutschen Fernsehmarkt: Die großen Sender behandeln die Produktionen und die Kreativen immer schlechter. Wenn man sich in der Fernsehbranche umhört, ist es überall dasselbe: Es wird weniger produziert, weniger gezahlt, weniger in die sorgfältige Entwicklung von Ideen investiert. Die Stimmung ist mies, die Ratlosigkeit groß. Alle – aus mir unverständlichen Gründen auch die öffentlich-rechtlichen Sender – starren auf die Quote und imitieren eher Erfolge als dass sie neue interessante Wege beschreiten. Und wenn es dann einer Produktion trotz der mittlerweile absurd engen finanziellen Vorgaben gelingt, etwas Innovatives und Gutes wie den „Tatortreiniger“ zu schaffen, dann muss der Sender zum Jagen getragen werden. Ohne den von Fans gepushten Internethype und einen Grimmepreis wäre die Serie längst im Nirwana versendet und abgesetzt worden.

Aber wieso ist die schlechte Behandlung der Kreativen ein Indiz für das Ende des Fernsehens as we know it? Nun, Kreative sind kreativ und werden andere Wege suchen und finden, um so arbeiten zu können, wie sie sich das wünschen. Wenn es dann auch noch entsprechende Angebote gibt von Internetseiten oder kleinen Pay-TV-Sendern, werden sich bald die besten und innovativsten Kräfte dort finden – eine Entwicklung, die im Printbereich durch das Selfpublishing bereits stattfindet. Und wenn es dann am Ende die zuschauerfreundlichste Technik, die stärksten Anbieter und die besten Kreativen nur noch jenseits der alten Fernsehsender gibt, dann … Na ja.

Denkt außerhalb der Kiste!

Kein Fernsehen mehr? Ist das schlimm? Ich muss ehrlich sagen: Meine Trauer und auch meine persönlichen Zukunftsängste halten sich in Grenzen. Was kann einem als Kreativer eigentlich besseres passieren als in Umbruchzeiten zu leben? Man hat die Chance, als Pionier tätig zu werden, neue Grenzen auszuloten, Maßstäbe zu setzen. Hey, man kann vielleicht sogar reich werden, wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Und selbst wenn nicht: Etwas besseres als den x-ten schlecht bezahlten Krimi, der ohne Herz und Leidenschaft zu Unzeiten in die Welt gesendet wird, findet man überall. Deswegen kann ich meinen Kolleginnen und Kollegen in Anlehnung an die englische Metapher nur zurufen: „Denkt außerhalb der Kiste!“ Es gibt eine Menge Möglichkeiten und wir stehen noch ganz am Anfang …

19 Kommentare

Besim Karadeniz

Ich habe vor einigen Monaten einiges von dem, was du hier schreibst, auch so gebloggt und leider müsste ich es heute, wenn ich es nochmal schreiben wollte, gerade nochmal so bloggen. Es läuft leider einiges schief im deutschen Fernsehen und leider machen es die Öffentlich-rechtlichen vor. Hier ist eine sehr merkwürdige … nennen wir es mal „Lethargie“ zu spüren. Wo holen wir unsere Zuschauer ab? Müssen wir uns überhaupt anstrengen? Wohin mit dem restlichen Geld, das nach dem Ausgeben der vielen Sportrechte bleibt?

Ich finde, gerade letzteres lähmt das öffentlich-rechtliche Fernsehen dermaßen, dass vieles andere dabei auf der Strecke bleibt. Natürlich ist Champions League für Fußballfans eine interessante Sache, aber ich sehe irgendwie keinen Grund dafür, warum soetwas nicht im Bezahlfernsehen laufen kann. Fußballliveberichterstattung hat wenig Nachrichtenwert und ist als Unterhaltungsprodukt sehr teuer und vor allem nicht nachhaltig.

Ich bin kein Verfechter eines reinen Unterhaltungsfernsehens, aber tatsächlich ist es so, wie du beschreibst. Wir haben in Deutschland keinen Mut, Fernsehserien zu produzieren, die auch mal verstören. Wir leben in einem Mix aus Doktorsendungen, viel zu vielen Krimis und seltenen Epi, vorzugsweise rund um den Zweiten Weltkrieg.

Politische Serien können wir immer nur importieren und darüber staunen, aber selbst sich mal daran probieren, das traut sich keiner. Ich finde das und einige andere Dinge sehr schade.

Antworten
Michael

Danke für den ausführlichen Kommentar, Besim!

In Sachen „Sportrechte“ kann ich nur sagen: „Dont‘ get me started“. Die Verhältnismäßigkeit ist hier längst aus den Augen verloren worden. Wir hätten durch die starken öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland eigentlich eine enorme Chance im fiktiven Bereich, aber stattdessen machen in Europa die Dänen die guten Serien …

Antworten
Besim Karadeniz

Was ich so vermisse und ich weiß, dass wir es problemlos könnten: Eine Science-Fiction-Serie. Ich habe vor Jahren mal im Tran eines Urlaubes angefangen, einige Ideen für eine SF-Serie zu sammeln. In der Zwischenzeit habe ich einige Word-Seiten voll damit und wüsste auch nach zehn Jahren immer noch nicht, wo man damit überhaupt mal anklopfen könnte. In den USA ist es mitunter bei Startrek (um ein Beispiel zu nennen) so gewesen, dass für spätere Staffeln Ideenvorlagen von Zuschauern kamen und verarbeitet wurden und diese Ideen zu teilweise preisgekrönten Folgen führten.

Meine echte Sorge ist, dass es zu so Entwicklungen wie mit dem ORF in Österreich kommt. Ein Apparat, der sich vornehmlich nur noch selbst verwaltet, in dem sich die Festangestellten um ihre Pensionskasse scharren, den glorreichen ORF-Traditionen frönen und Freie für erschreckend unterdurchschnittliche Löhne ohne echte Perspektive schuften und das eigentliche Programm machen. Das lähmt in Österreich nicht weniger als den gesamten Fernsehmarkt und den halben Kulturbetrieb.

Antworten
Irene

Ausgerechnet auf Twitter erlebe ich mit, dass Fernsehen immer noch ein relevantes Gesprächsthema ist und man dann zeitlich auf dem gleichen Stand sein sollte. Gilt auf Twitter vor allem für Tatort und schlechte (!) Talkshows. Aber vieles andere kann man auch gut später abrufen, macht man ja jetzt schon oft per Mediathek.

Antworten
Michael

Ja, das ist witzig, dass hier Twitter das Lagerfeuer zurückholt. Ein Wunsch nach gemeinsamem Erleben bzw. Sehen ist auf jeden Fall ebenso da. Man könnte ihn auch bedienen. Man könnte.

Antworten
amfenster

Da fällt mir doch gleich wieder die Lindenstraße ein…
Nachdem es in letzter Zeit ja ordentlich rauscht im Blätterwald, was die Zukunft der LS angeht, hatte ich tatsächlich schon mal den (ergebnislosen) Gedanken, ob speziell diese Serie eine Zukunft außerhalb des öffentlich-rechtlichen Fernsehens haben könnte, falls die ARD doch mal den Hahn zudreht.
Ob es entsprechende Überlegungen gibt, wirst Du vermutlich nicht beantworten können bzw. dürfen… 😉 Aber wie schätzt Du als Autor das ein? Wäre so etwas für Dich denkbar? Und in welcher Form?

Antworten
Michael

Das ist natürlich nur ein rein theoretischer Gedanken, weil die „Lindenstraße“ sicherlich noch viele Jahre in der ARD laufen wird, aber natürlich könnte man meiner Ansicht nach daraus auch eine reine Webserie machen – wie eigentlich aus allem. Bei der „Lindenstraße“ hätte man sogar den Vorteil, dass sie schon immer sehr präsent im Netz war und bereits viele, viele Onlineschauer hat. Und natürlich dass es eine treue Fanbasis gibt, die vielleicht auch ein paar Euro im Monat zahlen würde, um weiter gucken zu können. Denn am Ende ist es immer und überall eine Frage des Geldes …

Antworten
Daniel Morawek

Eine Entwicklung, die ich schon seit Jahren beobachte.

Ich bin ja auch mit Pioniergeist beflügelt 😉 2009 habe ich deshalb selbst versucht eine Webserie zu produzieren und einen Blog zum Thema Webserien und WebTV gestartet. Damals gab es noch ein vielversprechendes Projekt der Telekom – 3min.de – das aber 2011 den Löffel abgegeben hat. Aus meiner Webserie (die auch wirklich trashig war 😉 ) wurde ein regionaler Kinofilm und der Blog ist ziemlich eingeschlafen, weil sich in dem Bereich in Deutschland nicht mehr viel getan hat. Jetzt verdiene ich Geld als Selfpublisher, weil sich hier einfach mehr bewegt.

In Deutschland stehen wir in der Gefahr, dass uns die globale Entwicklung im Fernsehen überrollt. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich neue Pioniere der Webserie ans Werk machen werden. Auf die Hilfe der etablierten Sender können sie leider nicht hoffen.

Antworten
Michael

Es ist halt einfacher im Buchbereich, weil man eher (mehr oder weniger) alleine ein Buch schreiben kann als einen Film oder eine Serie drehen. Deswegen sind die Selfpublisher „vorne“. Aber in meinen Augen ist das auch nur eine Frage der Zeit, bis es im Filmbereich ähnliche Entwicklungen gibt …

Antworten
Daniel Morawek

Auf jeden Fall ist Bücher veröffentlichen einfacher. Nur gibt es durch Amazon auch eine Plattform, die die Leser erfolgreich erreicht. Bei Webserien fehlt das bei uns noch komplett.

Leider gab es in Deutschland bis heute keine wirklich erfolgreiche Webserie (an Versuchen mangelt es nicht). In den USA gab es seit 2008, 2009 erst ein paar erfolgreiche No-Budget-Projekte wie Chad Vader und The Guild, die gezeigt haben, dass ein Markt existiert. Erst Jahre später hat Netflix viel Geld in die Hand genommen, um eine eigene High-End-Serie zu drehen. Als Pionier in dem Bereich kann man sich in Deutschland also kaum auf einen großen Partner verlassen, der eine einigermaßen professionelle Produktion ermöglicht. Und dann bleibt die Frage, nach dem Portal, auf dem man ein Format platzieren kann, um Zuschauer zu erreichen. YouTube hat sich in Deutschland im Bereich von fiktionalen Stoffen leider auch nicht hervorgetan …

Antworten
Netz-TV

Das Problem beim Fernsehen ist doch dass es zwei Gruppen von Zuschauern gibt: Eine, die dem Programm und seiner Handlung tatsächlich folgt und spannend unterhalten werden will. Die meisten davon sind jetzt „ondemand“ oder auf dem „Second Screen“.
Die zweite Gruppe, wahrscheinlich größer, will ein Programm das dass Dahindösen auf Sessel oder Couch angenehm unterstützt und nicht stört. Sie will keiner komplizierten Handlung folgen. Diese Gruppe entscheidet die GfK-Quoten. Die GfK-Quoten entscheiden das Programm….

Antworten
Netz-TV

Doch- muss sein. 🙂 Für die Privaten sowieso- bei den Werbekunden wird nach GfK-Quote abgerechnet. Und die deutschen Öffis sind der ineffizienteste und teuerste Fernseh-VEB der Welt. Wenn da die Quoten noch weiter sinken wird der Rechtfertigungsdruck für die GEZ-Gebühren vielleicht zu groß. Deswegen ist die Quote für jeden Intendanten das wichtigste- was immer er auch öffentlich darüber erzählt.

Antworten
Michael

Aber auch das müsste nicht sein. Mit einem GUTEN Programm könnte man auch selbstbewusst sein. Aber ich träume …

Antworten
Slickbits

Klasse geschrieben. Sehe ich genauso.
Es ist ja mittlerweile sogar schon soweit, dass die Telefon-Votings usw. mehr Einnahmen generieren als die Werbung.
Recycling, Dauerwiederholungen und dann Mittags diese Inhaltlich dummen Sendungen wie X-Diarys die gerade mal ne Quote von 400.000 schaffen.
Galileo ist auch keine Wissensshow.
Youtube, Vimeo und co, lassen mich das sehen, was, wann, wo und wie ich es mag.

Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.