Früher wird alles besser

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Klappentext

Könntest du das letzte Jahr noch einmal durchleben, um damit deine große Liebe zu retten – das würdest du doch machen, oder?

Nach einem furchtbaren Jahr und einem sehr peinlichen Fehltritt zerstört Lisa die Ehe mit der Liebe ihres Lebens Alex. Sie ist sich sicher, dass sich das hätte verhindern lassen, wenn sie im vergangenen Jahr nur einen von sieben Fehlern nicht begangen hätte. Überraschend gewährt ihr das Schicksal diese Chance: Silvester landet sie nach Mitternacht nicht im Jahr 2018, sondern wieder am Anfang von 2017. Doch so einfach ist es dann auch wieder nicht: Denn sobald Lisa im neuen alten Jahr ihr Schicksal ändert, schlägt es auf unerwartete Weise zurück. Wird es Lisa gelingen, ihre Liebe zu retten? Oder macht sie alles nur noch schlimmer?

Leseprobe

DAS SCHICKSAL

1

Zum ersten Mal, seit diese ungehobelten Typen das Monstrum direkt vor ihrem Schlafzimmerfenster aufgebaut hatten, war Lisa froh über das Baugerüst. Der klirrend kalte Wind blies ihr entgegen, als sie das Fenster öffnete. Sie wusste natürlich, dass es riskant war, mit Kleid, Wintermantel und High Heels nach draußen zu klettern, aber die drei Apple-Crumble-Cocktails von der Weihnachtsfeier gaben ihr den nötigen Anschub. Auch dass sie prompt auf den Knien landete, konnte Lisa nicht stoppen. Sie hatte die schmale Metallleiter fest im Blick, die sie um eine Etage nach unten bringen würde. Auf allen vieren krabbelte sie zu der Lücke in den Gerüstbrettern, von denen aus seit Wochen niemand ihr Haus strich, denn es war ja Winter, und im Winter konnte man Hauswände nicht streichen. Normalerweise hätte Lisa sich an dieser Stelle wahnsinnig über die Inkompetenz der Malerfirma aufgeregt, weil niemand in der Welt von einem frühen Berliner Winter überrascht sein konnte. Aber selbst das war an diesem Abend unwichtig geworden.
Im fahlen Licht der Straßenlaterne tastete sich Lisa zu der Leiter vor. Das Metall war eiskalt. Auch gegen die Kälte hatten die Cocktails sie gewappnet. Und die Wut. Während Lisa ihre Füße auf die Leiter schwang, schaute sie durch ein Loch in der Abdeckplane am Gerüst hinab. Im Dunkeln konnte man vom fünften Stock aus nicht einmal den Bürgersteig erkennen. Aber um den ging es ja gar nicht. Es ging um den vierten Stock. Um die Wohnung von dieser Arabella. Natürlich hatte Lisa zuerst an der Wohnungstür des Fotomodels gelauscht, aber das hatte nicht viel gebracht. Ja, sie war sich sicher gewesen, dass sich jemand in der Wohnung befand. Aber sie wollte wissen, wer der Mann war, der sich bei der hohlen Nuss befand.
Deswegen richtete sie sich nun auf den Brettern vor dem vierten Stock auf. Sie strich ihren Mantel glatt und ging mit dem letzten Stolz, der ihr geblieben war, zu dem Fenster, hinter dem sich Arabellas Schlafzimmer befinden musste. Es war geschlossen. Natürlich. Bei der Kälte. Aber es brannte Licht hinter dem Vorhang. Warmes Licht. Kerzen wahrscheinlich. Lisa wurde es schlecht. Genauso schlecht wie in dem Moment, als sie in Alex’ Terminkalender den Eintrag „Arabella“ gefunden hatte. Für den Abend der Weihnachtsfeier von Lisas Firma. Für den Abend, an dem Alex angeblich „vor dem Fernseher chillen“ wollte. Der Fernseher oben in der Wohnung war nicht einmal warm. Niemand hatte dort gechillt. Denn Alex war bei Arabella.
Lisa presste ihr Ohr an das kalte Fenster. Sie hörte Musik. Irgendetwas zur Entspannung. Genau die Art von Musik, die Alex früher abgespielt hatte bei einem romantischen Abend, an dessen Ende er Lisa hatte ins Bett kriegen wollen. Nicht dass es die Musik gebraucht hätte, damals, als er noch seinen Waschbrettbauch hatte, die wohldefinierten Muskeln und das unwiderstehliche Lächeln. Alex hatte diese Art von Musik lange nicht mehr für Lisa gespielt.
„Gut so?“, hörte Lisa plötzlich seine Stimme.
Ihr Atem stockte. Bisher hatte es immer noch eine unverbesserliche Optimistin in ihr gegeben, die an ein gewaltiges Missverständnis geglaubt hatte. An andere Erklärungen für den Kalendereintrag. Aber das war eindeutig Alex’ Stimme. In Arabellas Schlafzimmer. Bei Kerzenlicht und Bumsmusik.
„Oh ja“, stöhnte Arabella in der Wohnung. „Hör bloß nicht auf.“
Das war es. Das war zu viel.
„Nein!“, schrie Lisa und hämmerte mit ihren Fäusten an die Scheibe. „Hör sofort auf, Alex! Sofort! Ich bring dich um, du …“
Weiter kam sie nicht, denn ihre Schläge gegen die Scheibe hatten Lisa aus dem Gleichgewicht gebracht. Eine dünne Schicht Eis auf dem Brett unter ihr tat ihr Übriges. Lisa rutschte mit den glatten Schuhen nach hinten. Um die Balance wiederzuerlangen, riss sie den Oberkörper zurück. Was alles noch schlimmer machte. Denn nun kippte sie um – über die einzige Querstange hinweg. Nur die löchrige Abdeckplane bewahrte Lisa davor abzustürzen. Für einen Moment schwebte sie in der Luft, mit den High Heels auf der Querstange und dem Rücken gegen die bedrohlich gespannte Plane.
„Lisa?“, hörte sie Alex’ Stimme aus der Wohnung von Arabella.
Es tat sich etwas hinter dem Vorhang. Doch da riss die Plane hinter Lisas Rücken. Sie griff mit beiden Händen nach deren losen Enden und krallte sich daran fest, als ob es um ihr Leben ginge. Dabei wurde ihr bewusst, dass es wirklich um ihr Leben ging. Denn sie stürzte in die Tiefe. Aus dem vierten Stock. Das war es. Das Desaster, Alex mit dieser blöden Kuh erwischt zu haben, konnte also doch noch gesteigert werden. Sein erstauntes Rufen würde das Letzte sein, was Lisa in ihrem Leben gehört hatte.
Das war es nicht. Denn Lisas Fall wurde schon nach einem Meter abgebremst. Von der Plane, an der sie sich festhielt. Lisas Griff war so bombenfest, dass sie die Zipfel halten konnte. Damit riss sie zwar einen Streifen aus der Plane. Aber das ging deutlich langsamer als ein freier Fall. Eher so, wie wenn ein Pirat sein Messer in ein Segel rammt und nach unten gleitet. Vielleicht sah es bei ihr nicht so elegant aus wie bei Jack Sparrow, aber es rettete Lisa definitiv das Leben. Sie landete sogar auf ihren Füßen. Völlig unversehrt fand sie sich mitten auf dem Bürgersteig wieder. Ein älterer Herr mit Hund stand mit offenem Mund vor ihr. Er hatte den Stunt gesehen.
„Ui, das Schicksal meint’s aber gut mit Ihnen“, entfuhr es ihm.
Lisa konnte es selbst kaum glauben. Sie sah die weißen Knöchel ihrer Hände, die nach wie vor die Plane umkrallten. Sie ließ los und blickte an sich herab. Sie hatte nicht einmal ihre Schuhe verloren.
„Lisa?“, hörte sie von oben.
Das war doch mal ein Paradebeispiel für das „Gute Nachricht, schlechte Nachricht“-Spiel. Die gute war, dass sie lebte. Die schlechte war, dass sie sich jetzt doch damit auseinandersetzen musste, dass der Mann, mit dem sie alt werden wollte, ihre Nachbarin vögelte. Aber wenn ein Sturz aus dem vierten Stock ihr nichts anhaben konnte, dann würde dieser Pisser es erst recht nicht schaffen. Sie drückte den Rücken durch, klopfte sich den Staub von ihrem Mantel und ging mit zitternden Knien zum Straßenrand, um sich ein vorbeifahrendes Taxi heranzuwinken. Sie fühlte sich unendlich stark unter dem sprachlosen Blick des Hundebesitzers. Und bei den verzweifelten Rufen vom Baugerüst, auf das Alex geklettert war.
„Lisa!“
Sie würdigte ihren Mann keines Blickes, stieg ins Taxi und nannte dem Fahrer die Location der Weihnachtsfeier.
Die Party begann jetzt erst richtig.