Soap – Das erste Kapitel

Als Leseprobe findet man hier das erste Kapitel von „Soap“.

Nicht wundern: Die Kommentare bis September 2012 beziehen sich auf einen Entwurf des Kapitels, den die Blog-Leser vor der Veröffentlichung des Romans kommentieren konnten. Vieles, das kritisiert wurde, ist in der nun endgültigen Fassung geändert worden.

 

SOAP – Kapitel 1 – Eine Begegnung mit Folgen

Es musste ein Missverständnis sein. Man hatte mich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Als Autor für die große, deutsche Seifenoper. Ich hatte »Schöneberg« noch nie bewusst gesehen, hatte bis dahin allenfalls Witze über diese niedere Gattung der Fernsehunterhaltung gemacht. Dennoch saß ich im Vorzimmer des Produzenten und wartete.
Auf einem Monitor neben der unbeirrt am Computer tippenden Sekretärin war zu sehen, was gerade im benachbarten Studio gedreht wurde. Eine Szene mit Monika Gehrlich. Ich kannte damals nur ihren Rollennamen, unter dem sie der Superstar der Serie war. Als taffe, aber natürlich immer sympathische Frau Mitte vierzig, die Beruf und Mutterschaft miteinander vereinbaren konnte, war sie das Vorbild für die unzähligen weiblichen Fans von »Schöneberg«.
Im Moment stand Monika im Hobbyraum ihrer Wohnung, in dem eine große Modelleisenbahn mit viel Liebe zum Detail aufgebaut worden war. Mir waren damals nicht alle Handlungsstränge der Serie bekannt, aber ich wusste immerhin, dass die Eisenbahn ein Erbe ihres verstorbenen Mannes war. Sein überraschender Tod und ihre Trauer waren eine Geschichte, die die ganze Nation bewegt hatte. Nun sollte offensichtlich ein weiteres Mal die Trauer gezeigt werden. Mit der Modelleisenbahn. Wer schon einmal versucht hat, so eine kleine Lokomotive zärtlich zu streicheln, weiß, dass das nur beknackt aussehen kann. Entsprechend musste ich bei Monikas Streichelversuchen kichern. Die Sekretärin schaute auf und lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Im Studio wurde die Szene vom Regisseur abgebrochen. Der Soapstar blickte genervt in die Kamera. Es war greifbar, dass alle unglücklich mit dieser Szene waren.
Die Tür des Produzentenbüros flog auf. Walter Christoph eilte mit einem kleinen Koffer unter dem Arm heraus. Er sah mich, blieb stehen und musterte mich kurz.
»Lukas Witek, was dagegen, wenn wir uns im Studio unterhalten?«, fragte er mich in einem Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ.
Ich sprang auf, murmelte, dass ich gar nichts dagegen hätte, und folgte ihm durch die langen Flure der Produktionsgänge, deren Wände mit Fotos der Serienstars zugepflastert waren. Er ging zielstrebig, ohne Hast – umgeben von einer Aura, die jeden, an dem wir vorbeikamen, kurz erstarren ließ. Hier bahnte sich eindeutig einer der erfolgreichsten deutschen Film- und Fernsehproduzenten seinen Weg. Erfolgreich war er schon, als der deutsche Film international noch Bedeutung hatte – also vor sehr langer Zeit. Dennoch wirkte Christoph nicht älter als Ende fünfzig. Alles an ihm war darauf ausgerichtet, keine Zeit zu verplempern. Weder Jahre seines Lebens noch Minuten bei Gesprächsterminen.
»Ich mag Ihre Textprobe«, sagte er. »Witzig. Wirklich witzig.«
Es klang wie eine Beleidigung.

Einige Wochen zuvor hatte er einen Workshop an meiner Filmhochschule abgehalten, zu dessen Abschluss wir eine Szene hatten schreiben sollen. Er hatte uns eine Folge von »Schöneberg« vorgeführt und uns aufgefordert, die Geschichte weiterzuentwickeln. Auf Grundlage dieser Übung war ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Als Einziger aus meiner Klasse. Einige hatten zwei Stunden all ihr Herz und ihren Verstand in diese große Chance investiert, aber ich war nicht wirklich interessiert und auch etwas ratlos gewesen. Wie soll es weitergehen, wenn ein vierzehnjähriges Mädchen herausfindet, dass ihr erster Freund sie mit ihrer älteren Schwester betrügt, sprich, mit ihr geknutscht hat? In meiner Version beschloss man, sich den Jungen zu teilen, und ging nahtlos zum Petting-Dreier über.

»Ich mag Respektlosigkeit, Herr Witek«, fügte der große Produzent hinzu, als wir einen Hintereingang des Studios erreicht hatten. Dann bedeutete er mir zu schweigen. Auch er sprach kein Wort mehr. Wir gingen lautlos hinein.
Alle landesweit bekannten Dekorationen von »Schöneberg« waren in der riesigen Halle versammelt. Die WG der jungen Generation stand Wand an Wand mit der Kneipe »Am Eck«, daneben eine bieder eingerichtete Omawohnung und wieder etwas weiter die Wohnung der Familie Gehrlich. Doch wir gingen nicht zu dem Set, an dem gerade gedreht wurde, sondern zu einer kleinen Tür in der Außenwand des Studios. Durch die gelangte man zu einer schmalen Leiter, die unters Studiodach führte. Christoph kletterte dort hoch, als ob dies das Normalste der Welt wäre. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
Oben angekommen positionierte er uns so, dass wir sehr gut das Set sehen konnten, auf dem soeben Monika Gehrlich ein weiteres Mal versuchte, eine Lokomotive zu streicheln. Es war nicht viel Platz, ich musste mich regelrecht neben Christoph quetschen, während er den mitgebrachten Koffer öffnete. Immer noch ohne ein Wort zu sagen. In dem Koffer war: ein Gewehr. Ich habe keine Ahnung von Waffen, aber so wie dieses Gewehr aussah, bedurfte es garantiert einiger Genehmigungen, um es führen zu dürfen. Wie in einem Gangsterfilm schraubte Christoph einen Schalldämpfer auf. Ich wurde nervös. Okay, auch mir gefiel nicht, wie die Schauspielerin das mit der Lokomotive gespielt hatte. Aber musste man sie deswegen gleich erschießen? Doch Christoph legte nicht auf seinen Superstar an, sondern zielte konzentriert auf etwas an der Decke, während unten die Szene erneut abgebrochen wurde. Jemand verkündete lautstark zehn Minuten Pause. Der Regisseur führte seinen angespannten Star aus dem Studio.
»Wenn niemand in der Nähe der Modelleisenbahn ist, sagen Sie  ›Jetzt‹!«, flüsterte Christoph mir in einem scharfen Tonfall zu. Er schaute mich kurz an. Ich nickte. Er konzentrierte sich wieder auf sein Gewehr. Hatte ich eine Wahl? Zumindest hatte ich keinen blassen Schimmer, was hier los war. In solchen Situationen funktioniere ich im Allgemeinen am Besten. Ich weiß dann ja nicht einmal, was ich falsch machen kann. Also schaute ich runter auf das Set. Überall wuselten Techniker und Helfer herum. Bald war niemand mehr in der Nähe der Modelleisenbahn zu sehen. Ich zischte: »Jetzt«. Es gab einen leisen Knall vom Gewehr, dann einen weiteren von der getroffenen Verankerung eines Deckenscheinwerfers und schließlich einen wahnsinnig lauten Knall, als der Scheinwerfer mit Karacho auf die Modelleisenbahn stürzte und sowohl Scheinwerfer als auch Eisenbahn in tausend Stücke zersprangen. Zwei Dinge wusste ich nun über Walter Christoph: Er ist ein verdammt guter Gewehrschütze. Und er kennt jeden Zentimeter seines Studios. Denn natürlich wollte er die Eisenbahn treffen. Warum, war mir nach wie vor ein Rätsel, über das ich aber nicht lange nachdenken konnte. Denn neben den erschrockenen Ausrufen der Techniker hörte man von unten nun auch Schmerzensschreie.
Eine Kabelhilfe hatte sich offensichtlich in eine Ecke neben der Modelleisenbahn gehockt, so dass ich den jungen Mann schlichtweg übersehen hatte. Er lag nun blutüberströmt und schreiend mit einem Splitter im Arm auf dem Boden. Sein Schmerz war mein Schmerz – das hatte ich nicht gewollt! Christoph schaute mich kurz mit einem »War das nötig?«-Blick an. Nachdem er gesehen hatte, dass der Junge nicht lebensgefährlich verletzt war und man sich professionell um ihn kümmerte, packte er sein Gewehr ein und bedeutete mir, ihm nach unten zu folgen.

Auf dem Weg zurück zu seinem Büro ging er in keiner Weise auf das ein, was gerade geschehen war. Vielmehr redete er unvermittelt auf mich ein.
»Sie wollen nicht fürs Fernsehen arbeiten. Sie wollen Filme machen. Sie wollen Ihren Namen auf der großen Leinwand sehen. Sie wollen erst das deutsche, dann das internationale Kino erobern. Sie wollen allen zeigen, dass es doch möglich ist, Hollywood als deutscher Drehbuchautor in den Arsch zu treten. Oder als Regisseur. Oder gar als Produzent. Am besten alles auf einmal. Sie wollen den Academy Award. Sie sagen ›Academy Award‹ und nicht ›Oscar‹, weil Sie wissen, wovon Sie reden, weil Sie sich im Filmgeschäft auskennen. Aber Fernsehen, das ist nichts für Sie. Sie haben in Ihrem Leben noch keine komplette Folge von ›Schöneberg‹ angeschaut. Nicht wahr?«
»Die von letzten Sonntag«, sagte ich schief lächelnd.
Er lachte. Herzlich. Lauernd. So wie er »Ich mag Respektlosigkeit!« gesagt hatte.

Wir waren in seinem Büro angelangt. Ein gewachsenes Büro, das von den vielen Jahren zeugte, die Walter Christoph schon im Geschäft war. Filmplakate, Auszeichnungen, Requisiten, Fotos – ein kleines Museum deutscher Mediengeschichte. Dort wartete bereits ein aufgebrachter Aufnahmeleiter auf uns.
»Hast du das mitbekommen?«, fragte er.
»Was denn?«, fragte Christoph unbekümmert, während er den Gewehrkoffer in einem Schrank verstaute.
»Ein Scheinwerfer ist in der Eins von der Decke gekracht. Auf die Modelleisenbahn.«
Christoph tat erschrocken. Ich schaute kurz zur Sekretärin, die das Ganze, ohne eine Miene zu verziehen, beobachtete. Sie zählte offensichtlich Eins und Eins zusammen und wirkte dabei nicht im Geringsten überrascht.
»Hat sich jemand verletzt?«, fragte Christoph besorgt.
»Ralle!«
»Ralle?«
»Die neue Kabelhilfe. Student, Anfang zwanzig. So ein Kleiner mit dunklen Locken, der …«
»Schlimm?«, unterbrach Christoph die Versuche, die Kabelhilfe zu beschreiben.
»Ich glaub’, nur ’ne Fleischwunde. Der Sani kümmert sich.«
Christoph schwieg kurz. Es wirkte so, als ob ihn das sehr betroffen machte, ja fast sogar etwas wütend. Plötzlich:
»Hat er eine Freundin?«
»Ähm, ich glaub’ schon …«, antwortete der Aufnahmeleiter überrascht.
»Gut, schick ihn nach Hause. Sorg dafür, dass die beiden ein Wellnesswochenende bekommen.«
Er schaute mich an. Kurz überlegte ich, ob nun erwartet wurde, dass ich mich an den Kosten für dieses Wochenende beteiligen würde. Aber Christoph wollte nur, dass ich in sein Büro ging.
»Setzen Sie sich. Ich komme gleich«, sagte er zu mir.
»Ähm, wir haben aber noch ein anderes Problem …«, sagte der Aufnahmeleiter vorsichtig. »Wir können die Szene nicht mehr drehen – die Modelleisenbahn ist hinüber.«
So wie das klang, schien es ein Riesenproblem zu sein. Irgendetwas hatte es mit dieser Szene offensichtlich auf sich. Doch Christoph nickte einfach nur und sagte: »Dann dreht was anderes.«
Den Aufnahmeleiter überraschte die schnelle Ansage sichtlich, er nickte aber gehorsam und verschwand. Ich saß mittlerweile in dem bequemen Gästestuhl in Christophs Büro, versuchte jedoch mitzubekommen, was im Vorzimmer geschah. Die Tür war nicht ganz geschlossen. Deswegen hörte ich, wie Christoph seiner Sekretärin eine E-Mail diktierte. An den Redakteur von »Schöneberg«, Uwe Weimar, den Verantwortlichen auf Seiten des Senders.

»Sehr geehrter Herr Weimar, leider hat es heute bei uns im Studio einen Unfall gegeben. Die Halterung eines Scheinwerfers hat sich gelöst, so dass dieser auf die Modelleisenbahn der Gehrlichs gefallen ist. Die Requisite ist derart zerstört, dass wir unmöglich weiter mit ihr drehen können. Ein detailgetreuer Wiederaufbau würde – wie Sie wissen – Wochen dauern. Deswegen können wir nun nicht – wie von Ihnen gewünscht – die Szene mit Monikas Trauer neu drehen und sie die Züge streicheln lassen, denn die Folge soll ja bereits übermorgen ausgestrahlt werden. Sie müssen nun entscheiden, ob wir eine Minute Schwarzfilm senden oder vielleicht doch die Szene so, wie wir sie ursprünglich geplant und gedreht hatten. Mit freundlichen Grüßen …«

Allmählich dämmerte mir, was hier los war. Kaum hatte Christoph das letzte Wort diktiert, stand er schon wieder vor mir im Büro und sagte:
»Wollen Sie überhaupt für mich arbeiten?«
Das war zu direkt.
»Natürlich. Ja. Doch. … Für ›Schöneberg‹?«
Sein mitleidiger Blick zeigte mir, dass ich mich schon verraten hatte. Er sagte nichts, setzte sich, musterte mich noch einmal lange und schüttelte dann den Kopf.
»Ich glaube, das passt nicht.«
»Was?«
»Ich sehe bei Ihnen nicht die Leidenschaft, die wir hier brauchen. Aber vielen Dank, dass Sie vorbeigekommen sind.«
Schon sprang er wieder auf. Ich war vor den Kopf gestoßen, stand reflexartig ebenfalls auf und schüttelte konsterniert seine Hand.

Als ich mich wenig später auf dem endlosen Flur wiederfand, spürte ich, wie sich Enttäuschung in mir ausbreitete. Ja, ich war zu diesem Termin mit einer »Was kann ich schon verlieren«-Einstellung gegangen. Aber nun hatte ich das Gefühl, alles verloren zu haben. Wie konnte das sein? Ich wollte doch nie bei einer Seifenoper landen. Der Plan war, mein Filmstudium zu beenden und dann großes Kino zu machen. Das zählte. Sonst nichts.
Während ich versuchte, in meinem Kopf wieder zurück zum großen Plan zu gelangen, machte ich einen Abstecher auf die Toilette des Studios. Ich wollte einfach noch nicht gehen. Gebührend trauern am Ort des Geschehens. Mit oder ohne Modelleisenbahn. Ich betrat den Vorraum der Herrentoilette und stand vor Ralle, der Kabelhilfe. Er stand mit freiem Oberkörper und beeindruckendem Verband an Arm und Schulter vor dem Waschbecken und war damit beschäftigt, sein blutdurchtränktes T-Shirt auszuwaschen. Er sah mich über den Spiegel und lächelte mich entwaffnend freundlich an. Ich schluckte.
»Alles okay bei dir?«, fragte ich mit echter Anteilnahme.
»Alles super! Sieht schlimmer aus als es ist!«
Er strahlte. Hatte er auch eine Kopfverletzung oder wieso war er so happy? Er sah, wie ich sein Shirt und den Verband musterte.
»Scheinwerfer ist runtergekracht. Hab ’nen Splitter abbekommen!«
»Oh, Shit!«
Was sollte ich sonst sagen?
»Ey, und glaubst’ es? Der Chef schenkt mir und meiner Freundin ein Wellnesswochenende deswegen. Voll geil am Meer und so. Dabei kann der doch gar nichts dafür!«
Dazu sagte ich besser nichts.
»Ich liebe diese Produktion! Das ist der geilste Job, den ich je hatte.«
Sein T-Shirt bekam er trotzdem nicht sauber. Er scheuerte und scheuerte. Ich hatte Sorge, dass sein Verband sich lösen könnte.
»Willst du nicht zum Arzt gehen damit?«
»Ach Quatsch!«
»Dann leg dich aber zu Hause bitte erst mal hin – du hast bestimmt Unmengen Blut verloren.«
Ich klang ein bisschen wie meine Mutter, aber ich machte mir wirklich Sorgen um Ralle. Doch der sagte:
»Ich geh’ doch jetzt nicht nach Hause!«
Er schaute mich an, als ob ich etwas total Groteskes gesagt hätte. Dann rieb er weiter ergebnislos an seinem Shirt herum.
»Aber … du bist verletzt!«
»Ey, heute Nachmittag drehen wir die Partyszene. Mit allen Stars. Das darf ich nicht verpassen. Echt nicht!«
Er schüttelte den Kopf, als ob ich wirklich von nichts eine Ahnung hätte. Womit er gar nicht so falsch lag.
»Arbeitest du auch hier?«, fragte er plötzlich.
Das tat weh. Das tat ungemein weh. Denn in diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als auch in diesem Laden arbeiten zu können. An einem Ort, an dem Produzenten Scheinwerfer von der Decke schießen, Kabelhilfen Wellnesswochenenden geschenkt bekommen und man nach einem Liter Blutverlust noch lange nicht nach Hause geht. Ich beantwortete die Frage nicht, sondern sagte stattdessen:
»Backpulver!«
Ralle schaute mich erstaunt an. Ich deutete auf das T-Shirt.
»Einweichen, Auswringen, Backpulver drauf. Dann waschen. Anders bekommst du das Blut nicht raus.«

Keine Ahnung, warum, aber mein Backpulverwissen und Ralles bewundernder Dank dafür gaben mir den Schub, den ich brauchte. Wenig später stand ich wieder in Walter Christophs Büro. Es war nicht so wie im Film. Keine Sekretärin, die aufsprang und versuchte, mich auf dem Weg ins Chefbüro zu stoppen. Kein »Sie können da nicht rein.« Keine unfassbar wichtige Besprechung, in die ich hineinplatzte. Nur ein Produzent, der von einem Drehbuch aufschaute – genauso wenig überrascht wie seine Sekretärin – und abwartete, was ich zu sagen hatte.
»Ich will eine Chance! Ich finde, nach dem, was ich hier heute miterlebt habe, hab’ ich eine Chance verdient.«
Ich starrte Christoph entschlossen an. Er schien zu schmunzeln.
»Wollen Sie mich erpressen?«, fragte er fast belustigt.
»Nein. Dann würde ich sagen: ›Geben Sie mir den Job, oder ich sage allen, was im Studio wirklich passiert ist.‹ Ich will einfach nur eine Chance.«
Ich fand mich sehr mutig. Christoph sagte nichts. Sein Telefon klingelte. Aus dem Vorzimmer hörten wir die Sekretärin, die den Anruf des Redakteurs ankündigte. Christoph bedeutete mir zu warten. Was ich in der Situation äußerst ungern tat. Andererseits war ich auf das Telefonat gespannt. Ich hörte natürlich nur die Seite des Produzenten:
»Herr Weimar!? … Ja, wir waren hier auch alle sehr schockiert, das können Sie mir glauben.«
Er hörte kurz geduldig zu, nahm dann einen scharfen Tonfall an, den ich kaum für möglich gehalten hätte.
»Sie passen besser auf, was Sie da sagen! Sie unterstellen uns, dass wir tausende Euro teures Equipment von der Decke fallen lassen, nur damit wir Ihre beknackten Änderungswünsche nicht umsetzen müssen?! Wissen Sie überhaupt, was passiert ist? Unser Ralle wurde schwer verletzt durch den Unfall – wir können froh sein, dass der Junge noch atmet. … Ralle! Das ist einer unserer wichtigsten Techniker – klar, dass Sie den nicht kennen. Seien Sie froh, dass ich Sie nicht verklage. Ich hab’ Ihnen schon vor Monaten geschrieben, dass das Studiodach erneuert werden muss. Aber, nein, der Sender muss ja sparen. Bis hier einer tot umfällt! Also ersparen Sie mir Ihre Unterstellungen und sagen Sie jetzt verdammt nochmal, was mit der Szene passieren soll! Rauslassen oder so rein, wie wir sie gedreht haben?«
Er hörte kurz mit starrer Miene zu. Sagte dann einfach nur:
»Danke!« Und knallte den Hörer auf das Telefon.
Danach atmete er kurz durch, lehnte sich zurück und schaute mich plötzlich wieder entspannt an.
»Die Autoren wollten, dass Monika die verdammte Modelleisenbahn in tausend Stücke zerlegt und dann weinend zusammenbricht. Eine Katharsis. Unsere Petra hat das wunderbar gespielt – eine Wahnsinnsszene! Reißt dir das Herz raus. Dem Herrn Redakteur war sie zu brutal. Könnte ein schlechtes Bild auf Monika Gehrlich werfen. Sie haben gesehen, was er aus der Szene machen wollte. Dafür mussten wir extra die zerschlagene Eisenbahn eins zu eins  wieder aufbauen. Das hat leider bis zwei Tage vor Ausstrahlung gedauert. Und nach dem bedauerlichen Vorfall von heute haben wir nun keine Zeit mehr und keine andere Wahl, als doch unsere Szene zu nehmen. Mit Genehmigung des Redakteurs.«
Er deutete auf das Telefon. Er lächelte. Ich lächelte. Kurze Stille.
»Schreiben Sie ein Probedrehbuch für uns. Zeigen Sie mir, was Sie können. Und beweisen Sie mir, dass Sie wirklich zu uns wollen. Da haben Sie Ihre Chance!«

24 Kommentare

Silvia

Mein ehrlicher Kommentar :

Mir ist gerade die Milch neben mür übergekocht, weil ich so begeistert gelesen habe – wann geht es weiter 🙂

Super geschrieben, ich habe zwischenrein sogar laut gelacht, man kann sich alles gut vorstellen — ich will weiterlesen 🙂

Liebe Grüsse Silvi

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Susanne

Meine Meinung:
Der Schreibstil ist sehr einladend und flüssig. Ich mag die Abwechslung von kurzen und langen Sätzen. Herr Witek ( hat der auch einen Vornamen 😉 ) ist mir symphatisch und ich musste einige Male über seine Gedanken schmunzeln. Walter Christoph – mein erster Gedanke: Wie ist der denn drauf ;-). Kann gar nicht sagen, ob ich ihn mag oder nicht.
An machen Stellen finde ich den Übergang zum nächsten Absatz nicht so gelungen – etwas zu abgehackt. ( Bsp bei Schmerzensschreie und dann der Übergang zur Kabelhilfe.
Hab auch noch einen kleinen Schreibfehler entdeckt. 2 Abschnitt, am Ende der 2. Zeile da steht Mit / soll aber Mir heißen, oder?

War mir eine Freude das Kapitel zu lesen und freu mich auf weitere…
Viele Grüße, Susanne

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Michael

Super! Danke!

Ja, meine Hauptfigur hat auch einen Vornamen, aber über den müssen wir nochmal reden. Ich brauche nämlich einen neuen! Dazu später mehr.

Tippfehler ist korrigiert. Und den Rest lass ich mal wirken! 🙂

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Anja

NA TOLL!! Das haben Sie ja mal wieder klasse hingekriegt, Herr Meisheit!

Nun bin ich angefixt! Und jetzt? Meeeehr!!! 🙂

Das klingt wirklich recht autobiographisch, denn so ähnlich zumindest hab ich Deine LiStra-Vita in Erinnerung. Find ich super, vor allem Walter gefällt mir gut! Aber auch „Herr Witek“ scheint Mumm in den Knochen zu haben. Schön mit dem Einwand, dass Witek am besten ist, wenn er keinen Schimmer hat, was los ist. Absolut sicherers Auftraten bei kompletter Ahnungslosigkeit – das wünsche ich mir auch oft ;-).

Ein bisschen erinnert mich der Nachname ja an Onkel Franz. Wenn Du also noch einen Vornamen suchst: ich hätte „Franjo“ als Vorschlag :-).

Als Anmerkung hätte ich 2 Sachen:
Ganz am Anfang, als Witek Walter trifft, sagt er, ein „Nein“ hätte er nicht geduldet. Ein „Nein“ wäre aber die Zustimmung auf die Frage gewesen, ob er was dagegen hätte mitzukommen. Besser wäre also m.E. nach „keinen Widerspruch geduldet“.

Zum anderen… vielleicht liegts auch an mir, weil ich den Begriff noch nie gehört habe: Blutwunde. Ich kenne Fleischwunde (und das hört sich schon schlimm genug an), aber bei „Blutwunde“ hab ich – sorry – die Assoziation nach einem Klumpen geronnen Blutes. Nicht schön.

Aber herrlich und wunderbar flüssig zu lesen – und vor allem mit dem richtigen Grad Humor. I like 🙂

LG Anja

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Zora

Also ich habe jetzt erst einmal alles regelrecht verschlungen ohne auf irgendwelche Fehler oder Ungereimtheiten zu achten und bin einfach nur begeistert und tooootal neugierig wie es weitergeht.

Jetzt lade ich mir das Kapitel schnell runter und lese es dann nochmal aufmerksamer und genauer durch.

Vielen Dank, dass wir so eine tolle Chance bekommen, ich bin total glücklich und freue mich!

Viele liebe Grüße, auch an die fleißigen Mitleser hier!

Antworten
Johanna Reben

Zuerst mal vielen Dank für die Mühe und das Vertrauen! Ich habe die Mittagspause genutzt, um in Ruhe zu lesen, und habe einige Anmerkungen und evtl. auch Korrekturvorschläge. Ich schicke sie aber lieber als Word-Dokument, wenn das recht ist, für hier ist es zuviel.

Vielleicht nur vorweg: vom Protagonisten würde ich auch gerne mehr wissen, zum Beispiel den Vornamen. Er kann sich doch im Vorzimmer der Sekretärin kurz vorstellen. Oder der Produzent spricht ihn gleich mit vollem Namen an. Oder so. Aber okay, wenn der Name noch nicht feststeht… ich würde ihm einen etwas altertümlichen geben, Ansgar oder Dankmar oder Hartmann oder so. Das würde sehr schön seine offensichtliche Unbedarftheit verdeutlichen. Öhm, shit… ist dieser Roman autobiografisch? 😛

Die Idee, dass der Protagonist immer dann am besten ist, wenn er keinen blassen Schimmer hat, ist so gut, dass man neidisch werden könnte. Was für Möglichkeiten tun sich da auf! Ein wunderbarer roter Faden für das Buch. 🙂

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Michael

Danke schon einmal und immer her mit den Anmerkungen!

Zum Namen kommt später noch einmal was …

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Silke

Ich habe jetzt auch erstmal alles gelesen ohne es beim lesen groß zu analysieren. Mir gefällt es gut, ich hätte auch Lust weiterzulesen.

Was mir aber gar nicht gefällt ist der Titel Soap sowie die Bezeichnung der Sendung als solche im Buch. Für mein Empfinden hat das Wort eine negative Bedeutung, man will mit Soap eigentlich nicht in Verbindung gebracht werden. Ich glaube, es wäre mir unbewusst unangenehm, z.B das Buch auf dem Schreibtisch auf der Arbeit liegen zu haben. Die Kollegen könnten denken: „Was liest die denn für ein blödes Zeug“.

Hätte ich ein Buch mit diesem Titel in der Buchhandlung gesehen, ich hätte nicht mal den Klappentext gelesen.
Im Moment weiß ich aber noch keinen besseren Namen, aber ich denke mal darüber nach 🙂

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Michael

Danke!!

Das mit dem Titel höre ich zum ersten Mal. Ich finde ja nicht, dass „Soap“ so negativ besetzt ist, bzw. der Begriff wird ja auch zur Überspitzung genutzt. Mh. Geht das noch anderen Leuten so?

Antworten
Anja

Ich reagiere, wenn ich im Buchladen stöbere, eher auf ungewöhnliche Buchtitel (wie wohl jeder von uns). Gerade wenn man das Buch oder den Autor nicht kennt, fällt einem als erstes der Titels und/oder die Umschlaggeschaltung ins Auge. So bin ich vor einigen Jahren z.B. auch über die Bücher von Steffi von Wolff gestolpert… Es muss halt zueinander passen: ich kann keinen hyperflippigen Titel wählen und der Inhalt ist nur wischiwaschi und langweilig.

Der Titel „Soap“ ist kurz und bündig. Na klar sind Soaps mit Vorurteilen behaftet, das macht es ja so interessant! Das ist wie der schottische Imbiss: keiner geht hin und trotzdem machen die einen riesigen Umsatz. So ist es mit Serien auch: die guckt doch auch keiner – angeblich ;-).

Antworten
Silke

Für mich sind die Begriffe „Serie“ und „Soap“ nicht gleichzusetzen.
Noch ein Beispiel: Wenn den Mitgliedern des Listraforums die letzte Folge nicht so gut gefallen hat, schreiben sie oft: „das war heute aber soapmäßig“ oder „jetzt rutscht die Lindenstraße aber auf Soapniveau ab“.

…aber ich sehe schon: ich bin mit meiner Meinung ziemlich alleine 😉

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Andreas

Hallo erstmal,
Und zunächst einmal herzlichen Dank für die Gelegenheit bei der Entstehung bzw. Überarbeitung des Buches hautnah dabei sein zu dürfen. Ich habe das erste Kapitel zwei mal gelesen und finde es insgesamt vielversprechend.
Ein paar Dinge sind mir jedoch aufgefallen, die aus meiner Sicht den Spaß am lesen ein wenig trüben.
Der Einstieg ist aus meiner Sicht ein wenig holprig. Oder vielleicht besser gesagt zu kurz. Ich mag es, wenn ich gerade am Anfang des Buches mit Details überschüttet werde, so dass ich mir alles bildlich vorstellen kann. Wie sieht denn das Vorzimmer eines Produzenten aus, und wie seine Sekretärin, etc.
Der Name der Serie „Schöneberg“ erinnert mich zu sehr an den Namen der Serie „Stromberg“, klingt zusätzlich aber sehr künstlich so das ich beim lesen des Seriennamens immer ins Stocken gerate.
Und was dann so gar nicht geht:
„Im Koffer war: ein Gewehr, …eher ein Luftgewehr…“
Nachfolgend nur noch als Luftgewehr bezeichnet… (was isses denn nun?)
Und damit schafft man es tatsächlich ein Studioscheinwerfer von der Decke zu schiessen?
Ich weiß nun nicht wirklich was so ein Scheinwerfer wiegt und wie weit der Schütze vom Scheinwerfer weg ist, aber ich gehe schon mal davon aus, dass die Halterung eines solchen Scheinwerfers über ein solches Projektil nur müde lächelt. Auch hier würden ein paar mehr Details, Hauptsache sie hören sich gut an, die Glaubwürdigkeit erhöhen.
Nachdem dieser Teil der Geschichte erzählt ist kommt die Geschichte dann aber in Schwung, es gibt mehr Details 😉 und für langsam werde ich von Absatz zu Absatz neugieriger auf die Handlung…

Antworten
Michael

Ja, über das Gewehr sollte ich mir vielleicht noch ein wenig Gedanken machen. 🙂

Der karge Stil mit wenig Beschreibungen ist aber schon Absicht und zieht sich durch den Roman durch. Es soll eher nüchtern wie ein Drehbuch klingen und sich auf die Handlung und den Dialog konzentrieren. Aber auch das schaue ich mir noch einmal an.

Danke!

Antworten
Urrmeli

Hallöle,

mir geht es wie vielen hier: Ich fühle mich „angefixt“ und möchte gerne mehr lesen.

Als Vorname für den Protagonisten schlage ich „Achim“ vor. „Achim Witek“, seine Freunde dürfen ihn „AhWe“ nennen. 😉

Bitte bald mehr!

Antworten
Alexander v d Becke

Super geschrieben…..habe es verschlungen und freue mich jetzt schon auf das Buch….Der Tippfehler ist mir auch aufgefallen….

ansonsten….super……

wenn ich genaueres weiss, was mir aufgefallen ist, poste ich wieder

Antworten
Cappuccino-Mama

Genau mein Geschmack – die richtige Menge Humor und irgendwie habe ich jetzt die LINDENSTRASSE im Hinterkopf! ;o) . Eine Geschichte, wie sie sich wirklich zutragen könnte – mehr oder weniger. Keine unnötigen Längen, die den Leser langweilen, schön beschriebener Handlungsort und Vorstellung der Personen.

Antworten
Liane

:-))))))))

Herrlich!!!! Hab mich weggeschmissen vor Lachen!!! Die Idee mit der Eisenbahn, dem Gewehr, dem Scheinwerfer und dem Wellnesswochenende ist einfach der Brüller! 🙂

Als Lindenstraßenkenner und selbst schon einige Male in der Produktion gewesen, weiss man auch immer sehr genau, wo sich Lukas gerade aufhält.

Das Kapitel ist sehr flüssig, locker und sehr gut verständlich geschrieben, so dass es einfach Lust auf mehr macht. Auch Klasse, wie der Produzent dargestellt wird.

Also mir gefällt es sehr und es macht Lust auf mehr! 🙂

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glorana/Michaele Kortlüke

Richtig gut…jetzt mag ich mehr lesen. MAl sehen, ob ich Glück habe, es zu gewinnen. Und wenn nicht…dann kauf ich es ;-)))

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