Irgendwas ist immer

Dies sind drei Texte aus meinem eBook „Irgendwas ist immer – Mein Tag-e-Buch“ mit Tagebuchtexten der Jahre 2002-2005 aus der Community jetzt.de. Mehr Informationen über das ganze Projekt hierhier und hier.

Cover Irgendwas ist immer

Lieber Michael aus dem Jahr 1983

Wer, wenn nicht ich, weiß, wie sehr Du es hasst, wenn man Dir das Ende eines Films vorab erzählt. Deswegen will ich Dir auch gar nicht zu viel über Deine Zukunft verraten. Aber ein paar kleine Hinweise – so unter Freunden – können doch nicht schaden, oder?

Du bist vielleicht noch ein wenig zu klein, um das jetzt so richtig zu verstehen. Aber falls Du eines Tages auf die wirklich sehr süße Idee kommen solltest, dass Du mit dem ersten Sex besser warten solltest, bis die Eine, die Wahre, die Einzige kommt, dann … also ich will Dir ja nicht den unglaublichen Spaß am Warten nehmen … aber die Eine, die Wahre, die Einzige freut sich ganz sicher ein Loch in den Bauch, wenn Du in den wichtigen Momenten weißt, was wohin gehört, und bereits einen gewissen Erfahrungsschatz in Eure Beziehung einbringen kannst. Nur mal so als Gedanke.

Und falls Du in ein paar Jahren mal zufällig in Griechenland Urlaub machen solltest und in einer Dorfdisco ein hübsches Mädchen aus Österreich kennenlernst, dann ist es sicher schnuffig, bei ihr auf schüchtern und zurückhaltend zu machen, obwohl sie offensichtlich Nähe sucht. Aber es könnte ja passieren, dass sie – und das ist jetzt nur reine Theorie – später heimlich mit Deinem besten Freund knutscht. Und so sehr Du den auch magst, er ist ja Dein bester Freund und hätte Dir diese schöne Erfahrung sicher auch gegönnt.

Gut, es spricht nicht wirklich etwas dagegen, fortwährend in schwarzen Stoffhosen und mit kuscheligen Pullis oder Polohemden herumzulaufen. Und auch die immer gleichbleibende Kurzhaarfrisur hat ganz sicher ihre Vorteile – wenig Pflegeaufwand und man wird sofort erkannt. Aber falls Du irgendwann Langeweile hast, guck doch mal beim Kaufhof in Wiesdorf bei der jungen Mode. Diese blauen Hosen – Jeans genannt – sind nicht so schlecht. Und der Opa-Friseur von deinem Stiefvater ist auch nicht der einzige in der Stadt. Sogar die Problematik um die Eine-Wahre-Einzige könnte man dann vielleicht noch einmal in einem anderen Licht betrachten …

Zur Schule nur drei Worte: Das geht vorbei!

Es könnte sein, dass Du eines Nachts mit Freunden durch die Gegend fährst und vor lauter Langeweile dieses schwerwiegende Bedürfnis bekommst, einen Stapel Zeitungen vom Pförtner der Bayerwerke zu klauen. Kennen wir alle, ist nicht weiter schlimm. Auf die Frage, was Du mit 40 Ausgaben des Leverkusener Stadt-Anzeigers willst, möchte ich gar nicht eingehen. Aber denk doch bitte kurz drüber nach, ob der Hauptpförtner eines der größten Chemiekonzerne der Welt nicht vielleicht eine Videoüberwachung hat. Und das Kennzeichen von Peters Auto ist eigentlich recht gut beleuchtet. Oder?

Ja, unsere Mutter ist anstrengend. Das wird auch noch schlimmer. In dem Zusammenhang muss ich Dir mal eins sagen und dabei leider doch schon etwas aus der Zukunft verraten: Niemand – auch Du nicht – wird diese Frau je verändern. Das ist heute – im Jahr 2003 – wissenschaftlich bewiesen. Es wäre jetzt zu kompliziert, das genauer zu erklären. Vertrau mir da einfach. Also nicht ändern wollen! Gib’s auf. Beziehungsweise fang gar nicht erst an, es zu versuchen. Grundsatzdiskussionen darüber, ob man den Müll nicht besser NACH einem Film runterbringen kann und nicht dann, wenn sie es will, sind sowieso uncool. Und, meine Güte, dann räumste halt mal Dein Zimmer auf. Später machste das eh freiwillig, spätestens wenn die Eine, die Wahre, die Einzige (oder eine ihrer Stellvertreterinnen) öfter mal vorbeischaut.

Zum Schluss noch ein paar wissenswerte Fakten: Dein Körper reagiert bei Batida de Coco und Blue Curacao besonders empfindlich. In Opladen auf dem Marktplatz steht ein Kondomautomat. Matheleistungskurs ist keine so tolle Idee, wie es sich im ersten Moment vielleicht darstellen mag. Auch in Jugendherbergen gibt es Diebe. Im Finale zu sein, heißt nicht automatisch Welt- oder Europameister zu werden. 18. Januar 2003: 6,17,35,39,41,49 – Superzahl 8.

So, das reicht jetzt aber. Bleibt mir, Dir alles Gute für Deinen weiteren Lebensweg zu wünschen.

Liebe Grüße

Dein Michael

P.S.: Anbei noch eine Handynummer (Handys sind kleine, tragbaren Telefone). Ich weiß leider nicht genau, ab wann sie funktioniert. Probier’s einfach immer wieder mal. Und lass nicht locker, bis sie sich mit Dir treffen will!

 

Die Stille nach dem Schuss

Gib endlich Ruhe, Du Wichser, oder ich komm rüber und schieb Dir Deinen verfickten Bohrer bis zum Anschlag in den Arsch!!!

Ich hab’s dann doch nicht geschrien. Noch nicht. Aber es fehlt nicht mehr viel. Es ist 7:10 und ich sitze vor dem Computer. Obwohl ich heute eigentlich nichts besonderes vorhabe, bin ich hellwach. Warum? WEGEN DIESER SCHEISS-BAUARBEITER!

Wir haben eine wunderschöne Wohnung. Mitten in der Stadt, aber in einem riesigen Hinterhof, wodurch es hier so ruhig ist, als ob man auf dem Land leben würde. Normalerweise. Aber eines Tages im April begegnete mir auf der Straße ein LKW mit einem Gerüst. Hatte ich mich damals noch darüber gefreut, dass die armen Plattenbauten-Leute auf der Ecke endlich neue Fassaden bekommen, so hasse ich sie jetzt. Die Plattenbauten-Leute, die Fassaden, die Gerüste, die Ecke, besonders die Bauarbeiter. Ich hasse alle und jeden!

Denn sie machen Lärm. Nicht normalen Baustellenlärm. Infernalen, nicht enden wollenden Lärm, der direkt am Nervensystem ansetzt. Besonders morgens zwischen 7 und 9. Am Anfang hatte ich noch gedacht: Na gut, die wollen früh nach Hause, deswegen fangen sie früh ab. Mittlerweile weiß ich: Es gibt keine Tätigkeit auf einer Baustelle, für die man zwei Stunden lang stakkatoartig Eisenträger mit einem Bohrer bearbeiten muss. Jeden Tag. Das gibt es einfach nicht. Genauso wenig wie dieses Klopfen, das man in den ersten Monaten jeden Morgen exklusiv zwischen sieben und acht gehört hat. Es war ein Geräusch wie man es aus US-Militärfilmen kennt. Als ob ein fetter Stiernacken-Offizier die Brigade mit dem Schlagen eines Baseballschlägers in einer Mülltonne wecken will. Und genau das passiert da: Die Bauarbeiter kommen an und während sie ihr Frühstück auspacken, muss der Praktikant sich für eine Stunde im Hof an den Ort mit der größten Klangresonanz stellen und auf einen Eimer eindreschen. Oder an einem Eisenträger rumbohren. Bis alle dreihundert Bewohner der angeschlossenen Häuser reif für die Nervenklinik sind. Das ist Bauarbeiter-Humor.

Eigentlich hab ich ja noch Glück im Unglück. Denn gerade in den letzten Wochen musste ich sehr intensiv arbeiten. Da ist frühes Aufstehen natürlich gut. Allerdings hatte ich auch etwas Pech im Glück im Unglück. Denn die einzige Tätigkeit, bei der es noch weniger hilfreich ist, wenn die Tage ein Konzert aus Hämmern, Bohrern, Kreissägen und Flammenwerfern begleiten, ist intensives Arbeiten. Davon, dass man bei der Hitze natürlich nicht einfach die schalldichten Fenster zumachen kann, weil sonst der Erstickungstod droht, muss ich jawohl gar nicht erst anfangen. Außerdem: Schalldichte Fenster am Arsch! Was vielleicht noch bei Balkonpartys der Nachbarn ein Segen ist, hilft gegen unsere Bauarbeiter einen feuchten Dreck. Die setzen ihrer Bohrer und Hammer so an, dass man die Vibration der Stahlträger im eigenen Kopfkissen spürt. Das geht direkt über das Fundament an die Schläfen.

Nun haben wir August. Das Gerüst in der Ecke ist abgebaut. Es werden nur noch kleinere Schönheitsreparaturen gemacht (mit Vorschlaghammer, morgens zwischen 7 und 9). Das ist gut, denn ich bin mit der Arbeit fertig, will endlich feiern, ausschlafen, mein Leben zurück. Aber leider haben sie sich jetzt das Haus direkt gegenüber von uns ausgeguckt. Ich kann sie von meinem Schlafzimmer aus sehen. Sie tauschen Fenster aus. In ca. 50 Wohnungen. Bohren auf den Stahlträgern inbegriffen. Bohren auf den Stahlträgern scheint die wichtigste und einzige Methode zu sein, um diese Fenster auszutauschen. Drei haben sie schon. Drei Fenster. Sie machen nämlich eins nach dem anderen. Morgens so zwischen 7 und 9. Jeden Tag. Auch samstags. Bei der E-Bay-Auktion für ein Präzisionsgewehr führe ich zur Zeit. Eines Tages wird es hier sehr ruhig sein. Sehr, sehr ruhig. Es wird nur noch die Stille geben. Stille.

 

Dringender Sonderbericht an Alpha Beta Gaga

Wie es scheint, stehe ich seit längerer Zeit unter Beobachtung von Außerirdischen für eine Studie über den Menschen. Es ist mir gelungen, den letzten Bericht abzufangen:

Achtung! Drastische Veränderung im Verhalten des Untersuchungsobjekts Mensch-37 am Ort Wohnung-23! Achtung!

Hier die konkreten Veränderungen:

Wie bereits mehrfach berichtet, bedeutet bei den Menschen das Hochziehen der äußeren Enden ihres Nahrungsaufnahmeorgans, dass sie eine positive Emotion empfinden. Im Falle von Mensch-37 ist das Eintreten dieser Handlung in den vergangen sieben Erdentagen um 234% gestiegen.

Das Verhältnis von Mensch-37 zu seinem kleinen elektronischen Kommunikationsgerät hat sich ebenfalls stark verändert. Bisher hat er es allenfalls missmutig und sporadisch benutzt, es dabei stets mit großer Distanz behandelt. Seit einer Woche wurde Mensch-37 nicht mehr ohne das Gerät gesehen. Mehrfach am Tag nimmt er es ohne erkennbare Motivation aus seiner Tasche und schaut es an. In der Regel steckt er es dann wieder weg. Doch manchmal ist oben beschriebene positive Emotionsäußerung zu beobachten, auf die eine intensive Beschäftigung mit dem Gerät folgt. Letztendlich wurde er sogar beobachtet, wie er schriftliche Mitteilungen des Geräts transkribierte. Dies ist eine bisher einmalige Verhaltensweise.

Mensch-37 war mehrfach über längere Zeit abwesend, besonders in der Dunkelphase. Dies ist an für sich nichts Ungewöhnliches. Allerdings war er bei seiner Rückkehr sehr spät in der Dunkelphase nicht wie in der bisherigen Beobachtungszeit durch toxische Substanzen beeinflusst und in seinen physischen Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt, sondern durchweg von der beschriebenen positiven Emotionsäußerung gekennzeichnet. In dieser Phase kommt es nun regelmäßig zur intensiven Beschäftigung mit dem kleinen Kommunikationsgerät.

Vor diesen Abwesenheitsphasen befindet sich Mensch-37 überdurchschnittlich lang in dem kleinen Raum, in dem Wasser auf seinen Körper rieselt. Sowie in dem Raum, der den kleinen Raum umgibt. Schien es bisher so, dass er dem Wuchs der Haare in seinem Gesicht keine besondere Aufmerksamkeit schenkt, so beschäftigt er sich nun vor den Abwesenheitsphasen sehr intensiv mit deren Entfernung. In diesen Zeiten scheint er ein außerordentlich großes Interesse an seinem eigenen Äußeren zu haben, das er intensiv und kritisch in dem vorhandenen Spiegel begutachtet. Er versucht dabei, Veränderungen zu einer positiven Erscheinungsform vorzunehmen – bisher ohne Erfolg.

Folgende Tätigkeiten sind erstmals seit Beginn der Beobachtung von Mensch-37 vorgekommen:

  • Aufzeichnen von unterschiedlichen harmonischen Geräuschen auf einem Magnetband. Das Magnetband ist seit einer Abwesenheitsphase nicht mehr im Besitz von Mensch-37.
  • Festhalten von schriftlicher Kommunikation auf einem Blatt Papier. Hierfür wurde erstmal ein uns unbekanntes Verfahren mit der eigenen Hand und einem antiquiertem Schreibgerät verwendet. Auch das Papier ist nicht mehr im Besitz von Mensch-37.
  • Unmotivierte, plötzliche rhythmische Körperbewegung zu harmonischen Geräuschen.
  • Unmotivierte Versuche, ebenfalls harmonische Geräusche durch die eigene Stimme zu erzeugen. Das offenkundige Scheitern dieser Versuche führt nicht zu deren Beendigung.

Das Interesse von Mensch-37 an anderen männlichen Menschen, die sich in dem optischen Wiedergabegerät intensiv mit einem runden Stück Leder beschäftigen, hat genauso drastisch abgenommen wie seine Beschäftigung mit Aufgaben zur Sicherung seiner Existenz. Beides war bisher nicht für möglich gehalten worden. Auch die Nahrungsaufnahme ist auf ein Minimum reduziert worden. Sollten sich diese Entwicklungen derart drastisch fortsetzen, könnte die Existenz von Mensch-37 bedroht sein. Dies scheint ihn aber nicht zu interessieren.

Dafür sitzt Mensch-37 überdurchschnittlich oft nur gekennzeichnet durch die beschriebene positive Emotionsäußerung auf seinem Sofa. Es ist nicht erkennbar, was in diesen Zeiten in ihm vorgeht. Experten aus der Abteilung „Emotionsanalyse“ brachten in diesem Zusammenhang einen neuen Begriff in Verbindung mit Mensch-37: Glück.

Wie es zu diesen drastischen Veränderungen in einem so kurzen Zeitraum und ohne jegliche Vorankündigung kommen konnte, stellt alle Experten vor ein großes Rätsel. Deswegen scheint eine Beobachtung der Abwesenheitsphasen dringend geboten. Es ist zu vermuten, dass es in diesen Abwesenheitsphasen zu Begegnungen mit einer Substanz oder einem Wesen kommt, dass – angesichts der beschriebenen Beobachtungen – von einmaliger Besonderheit auf dem Planeten Erde sein muss. Mensch-37 ist in jedem Fall nicht mehr das, was er einmal war.

 

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