Prime Reading Panik

Seit gestern herrscht in meiner Facebook-Timeline Panik, Wut und Angst. Nicht etwa, weil Donald Trump den roten Knopf gefunden hat, sondern weil Amazon ein neues Programm eingeführt hat: Prime Reading. Amazon-Kunden, die Teil des Prime-Programm sind, dürfen in den nächsten drei Monaten ca. fünfhundert ältere eBooks kostenlos leihen und lesen. Selfpublisher konnten nur auf Anfrage mit ihren Büchern teilnehmen und werden für diesen Dienst mit einem pauschalen Betrag zwischen 200 und 1000 Euro bezahlt. Durch die Prime Reading eBooks wurden die Verkaufscharts auf Amazon wild durchgeschüttelt und viele, viele Bücher sind aus den Top 100 gefallen. Die Selfpublisher unter meinen Facebook-Freunden stehen deswegen zu großen Teilen Kopf. Grund dafür ist aus meiner Sicht eine erschreckende Ahnungslosigkeit.

Vergesst das Ranking!

Neben den oft nicht oder falsch wahrgenommenen Basis-Infos über das Programm, die wie immer sehr besonnen in der Selfpublisher-Bibel zu finden sind, scheint es mir immer noch selbst bei erfahrenen Selfpublishern ein großes Missverständnis zu geben: Viele sehen das „Ranking“ als zentral für die Sichtbarkeit eines eBooks an. Doch die Verkaufscharts von Amazon sind für den Erfolg eines eBooks allenfalls ein kleiner Faktor! Es sind nur wir Autoren, die ständig auf die Top 100 oder auch die Unterkategorien starren. Kaum ein Leser bzw. Käufer tut dies. Auf den Endgeräten (Kindle, Handy etc.) gibt es diese Charts teilweise nicht einmal oder sie sind sehr schwer zu finden. Und auch wer auf dem Computer kauft, richtet sich in der Regel viel mehr nach Empfehlungen von Amazon oder den berühmten „Kauften auch“. Diese entstehen aber anders als die Verkaufscharts – nämlich auf Basis der Beliebtheitslisten (nach unten scrollen), die wiederum durch die Verkäufe der letzten 30 Tage generiert werden und weitere Faktoren berücksichtigen. Natürlich weiß man bei Amazon nie genau, wie der entsprechende Algorithmus was wertet, aber es gibt zahlreiche Indikatoren, Tests von Koryphäen und auch persönliche Beobachtungen von mir. Diese Liste müsste jeder strategisch denkende Selfpublisher eigentlich im Auge behalten – viel mehr als das berühmte Ranking in den Verkaufscharts.

Prime Reading Leihen werden vom Algorithmus vernachlässigt

Jetzt die gute Nachricht bezogen auf Prime Reading: Für diese Beliebtheitslisten spielen Leihen über Prime Reading (genau wie Leihen über Kindle Unlimited) allenfalls eine indirekte Rolle. Sie werden nicht gewertet. Um das zu erkennen, reicht es, wenn man sich den Amazon-Kindle-Shop in den USA anschaut. Dort gibt es Prime Reading schon länger als in Deutschland. Derzeit läuft die zweite Runde, die wohl Ende März gestartet ist. Trotzdem sind Prime Reading Bücher, die ganz oben in den Verkaufscharts stehen, in den Beliebtheitslisten (dort „featured“ genannt) nicht annähernd so weit vorne wie ihr Ranking es eigentlich hergeben müsste. Natürlich gibt es auch positive Verkaufseffekte bei den empfohlenen Prime Reading Bücher. Schließlich erhalten sie ja auch bei Nicht-Prime-Kunden mehr Sichtbarkeit in der Werbung. Amerikanische Autoren bestätigen diesen Anstieg in den Verkäufen. Aber die Zahlen, die die Verkaufscharts auf den Kopf stellen, sind die Prime Reading Leihen und diese schaden der Sichtbarkeit anderer erfolgreicher Bücher nur sehr wenig. Auch bei „kauften auch“ scheinen sie nur eine untergeordnete Rolle zu spielen, sonst hätten die Prime Reading Bücher ja haufenweise andere Prime Reading Bücher in ihrer Leiste – aber das ist nicht der Fall.

Also alles gut?

Na ja. Es gibt schon ein paar Probleme. Natürlich sind die Verkaufscharts auch ein Tool für Autoren, um den Erfolg von Büchern zu vergleichen. Das wird nun schwieriger. Komplizierter wird es mit den verschiedenen Programmen auch für Leser. Zumindest am Anfang. Aber immerhin können Kindle Unlimited Leser – auch wenn sie Prime haben – gar nicht über das neue Programm ausleihen. Sie landen automatisch bei KU, womit also keinem Autor abzurechnende Seiten verloren gehen. Trotzdem verstehe ich, dass einige Leute erst einmal verwirrt sind und ein paar Fragen haben. Aber auf die Fragen gibt es Antworten und Angst oder gar Wut auf Amazon ist völlig fehl am Platz.

Mich beschäftigt eher die Frage, ob dies in den Augen von Amazon ein Zukunftsmodell ist: Dass man pauschal für Leihvorgänge vergütet wird. Meiner Ansicht nach werden Leihmodelle in der Zukunft immer wichtiger werden und wenn man irgendwann auch bei neuen Büchern davon abhängig ist, dass Amazon einem ein Angebot macht, dann würde auch ich auf die Barrikaden gehen. Aber davon sind wir weit entfernt. Im Moment ist Prime Reading für die Teilnehmer – auch ich bin mit einer Folge von L.I.E.B.E. dabei – eine Promotion alter Titel, für die man sogar noch bezahlt wird. Also wirklich kein Grund zur Panik …

 

 

2 Kommentare

Lilly London

Hallo,

ich habe gerade deinen Artikel gelesen und finde ihn wirklich gut und aufschlussreich. Ich bin Primekunde und Bloggerin und auch meine Timeline war in den letzten Tagen voll von verunsicherten Autoren, was ich auch im ersten Moment total verstehen kann und ich keinen einen Vorwurf machen möchte. Aber ich als Käufer habe in meinem Leben noch nie auf eine Rankingliste geschaut. Ich hoffe du kannst dem einem oder anderem Autor mit deinem Beitrag die Angst nehmen den theoretisch finde ich Prime Reading ist eine tolle Sache wie es in der Praxis läuft werden wir ja sehen.

Alles Liebe
Lilly

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Cliff Allister

PRIME READING – Woche 1:
Mal ein kleiner Zwischenbericht.
Entgegen meiner anfänglichen Befürchtungen hat PR (bei mir!) nicht zu einem Rückgang an Gesamtverkäufen oder gelesenen KENP-Seiten geführt – allerdings auch nicht zu einem Anstieg! Auch der prognostizierte Effekt von mehr KENP-Seiten bei meinem 1 3/4 Jahre alten PR-Ebook ist bei mir ausgeblieben. Es wurde genauso oft gekauft und ausgeliehen wie zuvor. Außer an den ersten 2-3 Tagen, wo es LEICHT erhöhte Verkaufszahlen gab, die aber im Monatsergebnis nicht ins Gewicht fallen. Es stieg aus dem Bereich um 2500 zwar bis auf Pos. 85 (inzwischen wieder auf einem langsamen, aber stetigem Abstieg – derzeit 251), dies hatte aber erstaunlicherweise so gut wie keinen Einfluss auf die Verkaufszahlen. Mit anderen Worten, es verkauft sich auf Rang 2000 genauso gut (oder schlecht 😉 ) wie auf Rang 200. Was für die These spricht, dass das Ranking weniger wichtig sein könnte, als man gemeinhin annimmt. Fanbase (Folgekäufe älterer Ebooks nach Neuveröffentlichungen) und Genre spielen eventuell eine größere Rolle als das Gesamtranking.
Etwas anders sieht es bei meinen anderen (10) Ebooks aus – oder auch wieder nicht. Zunächst sind alle um mehrere Hundert, teilweise über 1000 Plätze im Ranking gefallen. Aber auch dies hat nicht (oder kaum) zu Veränderungen der Verkaufs- und Ausleihzahlen geführt. Teilweise haben sich die Rankingpositionen inzwischen wieder erholt, teilweise aber auch nicht. Hauptsächlich meines neues Ebook hat sich von dem plötzlichen Rankingverlust um 500 Plätze nicht wieder erholt. Hier dürfte PR tatsächlich zu einem Verlust, wenn auch in überschaubarem Rahmen, geführt haben. Es ist einfach schneller abgestiegen, als es normalerweise sowieso der Fall gewesen wäre. Die anderen stehen in etwa wieder da, wo sie auch vor der Einführung von PR standen.
Ein positiver Effekt war zu bemerken! Der zweite Band des Zyklus, dessen erster Band in PR ist, hat merklich in den Verkäufen und Ausleihen zugelegt. Dies dürfte den Verlust bei meinem neuesten Werk ausgleichen.
Mein Zwischenfazit: Alles halb so wild! PR dürfte zumindest nicht schaden und kann bei einigen „Glücklichen“ einen positiven Effekt haben. Es wäre interessant von jemandem zu lesen, der kein Ebook in PR hat, wie es sich dann auswirkt.

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