Cool

Am Vatertag waren wir mit unseren Kindern in dem neuen Park am Gleisdreieck. Ist ganz schön geworden. Da gibt es auch ein Areal für Skater. Als wir da vorbeikamen, wirkte mein 2-jähriger Sohn plötzlich wie hypnotisiert. Er war überhaupt nicht mehr von den Halfpipes – oder wie auch immer man die Dinger nennt – wegzubekommen, saß trotz kühlem Wind wie angewurzelt in seinem Buggy und fragte: „Machen die Männer da“? Er meinte in dem Moment zwar ein paar 14-jährige, aber Männer waren auch dabei. Und ich musste mal wieder feststellen, dass Skater Verfallsdaten haben. Mir gefiel der Look ja schon nicht, als ich noch Teenager war. Aber mit 35 sehen Baseballmützen und Labberhosen, die so tief hängen, als ob man einen Haufen reingemacht hätte, echt beknackt aus. Dachte ich gerade noch so, als ich dieses Glänzen in den Augen meiner Frau sah, während sie erzählte, wie cool sie früher Skater fand. Ich erinnerte mich: die meisten Mädels – zumindest die, die damals von Interesse waren – sahen das ähnlich.

Erinnerungen an blankes Unverständnis kamen in mir hoch. An die alles entscheidende Frage für einen Teenager: „Warum wollen die Mädchen die anderen, aber mich nicht?“ Retrospektiv betrachtet kann man nun mit gesicherter Erkenntnis sagen: ich war nicht cool.  Ich beschloss, dass das MEINEM Sohn nicht passieren würde. Er soll es mal besser haben als ich! Gut, ich hab dann doch noch eine 1A-Frau abbekommen, aber mein Gott, was musste ich dafür kämpfen (=Texte schreiben!) und was wäre mir in der Pubertät alles erspart geblieben, wenn ich das nötige Rüstzeug gehabt hätte. Sprich: ein bisschen Input seitens meiner Eltern in Sachen Coolness. Ich will da jetzt im Nachhinein niemandem Vorwürfe machen, aber alles, was ICH in Sachen populärer Kultur mitbekommen habe, war die Heranführung an „Mainz, wie es singt und lacht“. Oh, und man hat mir Skat spielen beigebracht. Damit konnte ich aber nun wirklich nicht punkten. (Obwohl ich also immerhin skaten konnte – hihi!)

Was kann ich aber nun für meinen Sohn tun? In Sachen Skateboard kann ich ihm nicht weiterhelfen. Ich hab vor ein paar Jahren mal versucht, Snowboarden zu lernen. Das war nicht lustig. Gott sei Dank war die Unterlage Schnee und nicht Asphalt. Überhaupt sollte man in meinem Alter von sportiven Sachen eher Abstand nehmen, wenn man sich ein „Papa, du bist peinlich“ ersparen will.

Irgendwas mit Computern? Ich weiß nicht. Mein Sohn gehört offensichtlich zu einer Generation, für die die heutigen „Digital Natives“ ungefähr so modern sein werden, wie für mich die Hippies. Der Kleine war gerade mal ein Jahr alt, als er sich mein iPhone geschnappt und die Sperre überwunden hat. Ohne dass ihm das jemand erklärt hätte. Mittlerweile hat er mehr Apps als ich. Bei ihm trifft der Satz „A magazin is an iPad that doesn’t work“ voll und ganz zu. Aber das ist sicher nichts, was ihn von anderen unterscheiden wird oder cool macht. Und seien wir ehrlich: spätestens in zehn Jahren erklärt ER MIR, wie ich den Milchmengenerkenner im Kühlschrank installiere. Ich werde ihm nicht helfen können.

Was sonst? Ihn mit aus meiner Sicht cooler Musik, Büchern oder Filmen zu impfen, kann deutlich nach hinten losgehen. Ich glaub, meine Eltern fanden „Mainz, wie es singt und lacht“ damals auch ECHT witzig. Bei Klamotten muss ICH ja immer noch von meiner Frau ausgestattet werden, um ernsthaft was herzumachen. Da ist er mit ihr sowieso auf der sicheren Seite. Gibt’s denn gar nichts, was ich an Coolness weitergeben kann? Muss ich am Ende mir selbst in den Rücken fallen und ihm das Rauchen beibringen?

Als wir meinen Sohn nach gefühlten zwei Stunden Skater gucken (nur mit dem vehementen Verweis auf den Kuchen von Mr. Minch, den wir kaufen wollten) nach Hause gebracht hatten, versank er für eine Weile in seiner Legowelt, während ich an dem richtigen Weg zur Coolness verzweifelte. Schließlich kam er zu mir mit einem kreativ zusammengesetzten Gebilde aus Legosteinen. „Geschenk für Papa“, erklärte er mir. Weil doch „Papatag“ ist. Er war von ganz alleine darauf gekommen, gab mir noch ein Küsschen dazu und ich stellte gerührt fest: der Junge IST bereits cool.  Saucool. Zumindest aus meiner Sicht. Und wenn man mal genau drüber nachdenkt: die Mädels, die damals von Interesse waren, sind heute doch sowas von uncool …

5 Kommentare

Silvia

Cool, was ist das ? Einstellungssache, jeder findet etwas anderes cool – und solange die Kids auf sich aufmerksam machen, egal wie, sind sie cool 🙂 Ich habe bei meinen 5 Jungs gelernt ( und das war Hardscore ) , dass Coolness als Eltern darin besteht, sie machen zu lassen , indirekt zu lenken und das was sie gemacht haben zu bewundern, dann werden die Kids von alleine cool, wenn sie das Selbstbewusstsein mitbekommen , dass das was sie machen cool ist – UND WER SELBSTBEWUSST IST , STRAHLT COOLHEIT AUS !!!!

Mannoman, welch ein Satz *grins*

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Wolfgang

Hi Michael, cooler Artikel!

Hier ist die Evolution der coolness fuer unseren kleinen Yunus: Laufrad, Scooter, Skateboard, Snowboard, Surfboard! Im Moment sind wir in der Scooter Phase!

Und weißt du was Wirklich cool ist? Eines Tages treffen wir uns in Istanbul und Skaten mit unseren Kindern über die galatabruecke und hängen uns an eine Straßenbahn auf der istiklal cadessi 🙂 Viele Gruesse, Wolfgang

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Michael

Das dürfen die Mädels aber dann aber nicht wissen! (Und ich sitze wohl eher IN der Straßenbahn …) 🙂

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