Fragen? Antworten!

Heute gibt es einen Schwung von Antworten auf einige Fragen von Euch, die hier im Blog gestellt wurden.

„Wenn ihr neue Figuren erschafft, habt ihr ja sicherlich genaue Vorstellungen, wie diese aussehen sollten, welche charakteristischen Merkmale sie haben sollten. Gebt ihr dafür dem Caster genaue Vorgaben oder lasst ihr dem da weitgehend, oder sogar ganz, freie Hand?“

Größere neue Figuren werden immer auf den Storylinesitzungen gemeinsam geschaffen und in der Regel ja auch sofort mit einer Geschichte versehen. Also haben wir nach den zwei Wochen, die wir dort zusammen sitzen, immer schon ein ungefähres Bild, wie die Figur einmal sein soll. Beim Schreiben der Bücher wird das dann konkreter, weil hier die Sprache, die Äußerlichkeiten und die Details hinzukommen.

Meistens wird erst nach den Erst- oder sogar Zweitfassungen der Drehbücher von einem Autor, der sich sehr viel mit der Figur beschäftigt hat, ein Rollenprofil geschrieben – die Grundlage für die Arbeit von Horst D. Scheel (auch bekannt als „Hans-Wilmhelm Hülsch“) – unserem langjährigen, exzellenten Caster. An der letztendlichen Entscheidung, welcher Schauspieler es wird, sind dann aber eine ganze Reihe von Leuten aus der Produktion und vom Sender beteiligt.

„Hast Du als Autor auch schon das richtige Timing beim Schreiben der einzelnen Handlungsstränge einer Folge im Kopf? Sprich, Bild 1 darf nicht länger als 1:50 sein, Bild 2 nur 0:53 usw., damit am Ende des Drehbuchs in der Folge auch alles untergebracht werden konnte, was man erzählen wollte. Nicht dass man dann merkt, dass die einzelnen Szenen doch zu lang waren und man gar nicht alles für eine Folge drehen kann.“

Nein, so genaue Vorstellungen bzw. solch ein Korsett wäre beim Schreiben eher hinderlich – zumindest für meine Art zu arbeiten. Bei mir funktioniert es sehr oft so, dass ich Figuren aufeinander loslasse bzw. eine Situation um sie herum schaffe. Danach schlüpfe ich quasi abwechselnd in die unterschiedlichen Charaktere, um zu sehen, wie sie reagieren. Daraus kann z.B. bei einem Konflikt dann ein seitenlanger Streit entstehen oder ein wütende Verweigerung von selbigem und ein Türenknallendes Davonrennen – je nach Figur und Situation. In dem einem Fall habe ich dann schnell mal eine Zwei-Minuten-Szene, im anderen nur dreißig Sekunden. Die Freiheit, dass ich die Szene instinktiv so oder so laufen lasse, will ich mir auf jeden Fall erhalten.

Es ist aber auch nicht notwendig, eine Punktlandung hinzulegen, da es ja viele Arbeitsstufen gibt. Für mich selbst schreibe ich ja sowieso erst einmal eine Rohfassung. Die kann auch mal zehn Seiten zu lang oder (seltener) fünf zu kurz sein. Dann wird halt gestrichen oder noch etwas dazu erfunden. Dann gibt es ja noch zwei weitere Drehbuchfassungen, in denen man von außen auch Hinweise bekommt, wenn etwas zeitlich sehr aus dem Ruder läuft. Und DANN kommt die Regie dazu mit konkreten Vorstoppzeiten – danach wird dann manchmal auch noch gekürzt oder verlängert. Ja, sogar während des Drehs einer Folge kann man ja noch reagieren – gerade diese Woche habe ich eine Zusatzszene geschrieben, weil eine Folge drohte, zu kurz zu werden. Ach ja, und im Schnitt wird natürlich auch nochmal hier und da gekürzt …

Kommt es auch schon mal vor, dass das Endprodukt, sprich die fertige Folge, völlig anders aussieht, als Du es Dir beim Schreiben vorgestellt hast? Oder ist es generell mehr oder weniger eine Überraschung, wie Schauspieler und Regie die Drehbuchseiten mit Leben füllen?

„Völlig anders“ kommt sehr selten vor – gerade im Vergleich zu Spielfilmen. Das liegt einfach daran, dass die Drehorte und die Schauspieler bzw. deren Art zu spielen ja hinlänglich bekannt sind und ich auch den Stil der meisten Regisseure sehr gut kenne. Auch haben die Regisseure bei uns allein deswegen schon nicht solch einen großen Raum zum „Andersmachen“, weil die Geschichten ja sehr lang laufen und dadurch oft über die Arbeit eines Regisseurs hinausgehen. Man muss sich also relativ eng an die Vorgaben aus dem Drehbuch halten. Im Detail gibt es aber immer wieder Überraschungen, klar. Im Negativen, aber auch im Positiven. Positiv überrascht war ich z.B. schon oft von den jüngeren Schauspielern, die ja keine Profis sind und bei denen man nie weiß, wie sie sich entwickeln. Aber z.B. Caro und Nico oder aber auch jüngst Lea haben mich sehr happy gemacht.

Was sagt Dein privates Umfeld dazu, dass Du für die Lindenstraße schreibst und wie reagieren andere Autorenkollegen auf Deine Tätigkeit in der Listra? Kriegt man da manchmal so einen Stempel aufgesetzt, so nach dem Motto “der schreibt ja ‘nur’ für ne Soap”…?

In meinem privaten Umfeld finden das eigentlich immer alle sehr abgefahren. Jeder kennt sowieso einen, der Hardcore-Fan ist und wie oft ich schon gehört habe: „Ich guck das ja nicht, aber meine Mutter verpasst keine Folge“ kann ich schon nicht mehr zählen. Auch ist es toll, wenn ich jemandem sage, dass ich Drehbücher schreibe und dann diese zaghafte Frage kommt, ob man denn „möglicherweise was davon kennen könnte“. Die meisten Kollegen müssen an der Stelle ausführlich erklären und schauen trotzdem in ratlose Gesichter. Ich sag einfach nur „Lindenstraße“, dann gehen die Augenbrauen hoch und es kommt der Satz mit der „Mutter“.

Bei Autorenkollegen gibt es vielleicht einige, die sagen, „der schreibt ja nur `ne Soap“. Allerdings ist das ein ziemlich kleiner Teil, der dann entweder selbst ziemlich erfolgreich mit Filmen ist und mit Serien nichts anfangen kann. Oder es sind Leute, die vor Neid platzen. Denn im Grunde wäre fast jeder Autor – der gerne schreibt UND Geld verdienen will – happy, eine Serie schreiben zu können. Noch dazu die „Lindenstraße“, in der man viele Freiheiten und erzählerische Möglichkeiten hat. Entsprechend erfahre ich oft eher Respekt bei Kollegen.

Hast Du eigentlich eine bestimmte Tages- oder Nachtzeit, in der Du am liebsten schreibst…?° Oder setzt Du Dich meistens immer zur selben Uhrzeit zum Schreiben an Deinen PC…? Nach wieviel Stunden vor dem PC legst Du eine Pause ein…? Hast Du gleichzeitig mehrere Drehbücher in Arbeit…?°

Am Liebsten schreibe ich eigentlich morgens. Bzw. wenn ich morgens nicht sofort anfange und richtig reinkomme, wird es meistens ein nicht so erfolgreicher Tag. Bisher habe ich immer versucht, möglichst viele Stunden am Stück zu arbeiten – in der Regel von 9 bis 18 Uhr. Mit eher wenigen und kurzen Pausen. Aber da machen wir meine Kinder nun einen Strich durch die Rechnung, was ich ja im Blog schon einmal ausführlicher geschildert habe.

Gar nicht gerne arbeite ich abends. Der Abend ist für mich zur Entspannung da. Das war schon immer so, sollte auch nach Möglichkeit so bleiben. Ruhephasen, in denen ich oft genug ja auch noch gedanklich weiterarbeite, sind ein wichtiger Bestandteil der Autorentätigkeit. Früher in meiner WG war es ein Running Gag, dass ich auf dem Sofa lag und nichts tat. Wenn mein Mitbewohner dann reinkam und fragte, was ich da mache, sagte ich: „Ich arbeite.“ Und das war nicht gelogen!

Ich arbeite bei der „Lindenstraße“ immer an einer ganzen Drehbuchstaffel mehr oder weniger gleichzeitig. In den letzten Jahren waren das meistens zwölf Folgen am Stück (pro Halbjahr), die ich zwar in einem ersten Durchgang zunächst einmal nacheinander „aufschreibe“, aber das ist dann nur eine sehr grobe Fassung, mit der ich vor allem die Seiten füllen will. Es gibt nichts Schöneres, als die rund 600 Seiten im Computer zu haben – auch wenn dann die eigentliche Arbeit erst beginnt. Es kann zwar schon mal sein, dass eine Szene auf Anhieb hinhaut, aber manchmal steht da einfach auch nur „Blabla“ bei einem Dialog oder „muss ich noch recherchieren“ usw. Danach springe ich dann zwischen den Büchern hin und her. Meistens einer bestimmten Geschichte oder einer Figur folgend. Ich korrigiere hier, vertiefe da, ergänze, kürze usw. Ich vergleiche das gerne mit der Arbeit eines Bildhauers. Aus dem rohen Material meißle ich nach und nach das fertige Drehbuch. Andere Autoren arbeiten sicherlich anders, aber für mich macht das am Meisten Sinn.

 

So viel in dieser ersten Runde an Antworten. Den noch nicht beantworteten Fragen will ich mich in (naher oder ferner) Zukunft jeweils etwas ausführlicher widmen. Was niemanden daran hindern soll, weitere Fragen auf der entsprechenden Seite zu stellen …

 

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