Wir müssen geduldig sein

Kühe sind aus. Das ist ein echtes Problem. Für meine Frau und mich ungefähr so dramatisch, wie wenn auf der Fanmeile das Bier ausgeht. Es gibt fünf Tiere, die man theoretisch auf den Windeln von Pampers finden kann: Bären, Katzen, Schafe, Küken und eben Kühe. Warum auch immer: Mein Sohn LIEBT die Kühe. Zur Not kann man ihm mal `ne Katze andrehen („die sind sonst ganz traurig“) oder in besonderen Situationen auch ein Schaf („Schaf – Schlaf, also nachts ein Schaf, mh??“). Aber Küken und Bären: Ganz schwierig! Wenn es dann also morgens soweit ist, dass es ans Anziehen geht, die Zeit drängt, weil wir bis neun Uhr im Kindergarten sein müssen, dann darf eins nicht passieren: Dass die Kühe aus sind! Denn mein Sohn hat zur Zeit diese Phase, die der Amerikaner liebevoll als „Terrible Two“ beschreibt: Er hat seinen eigenen Willen entdeckt. Oh ja!

Die einschlägigen Ratgeber wissen natürlich auch hier Rat: Das ist nur eine Phase, eine ganz wichtige sogar. Und je trotziger das Kind, desto deutlicher das Zeichen: Man hat es mit einem selbstbewussten, gesunden Kind zu tun. Das ist doch ein Grund zur Freude. Die sich bei uns naturgemäß in Grenzen hält, wenn man es bis viertel vor Neun dann irgendwie geschafft hat, das komplette Kind (sogar mit einer Katzen-Windel!!) anzuziehen, aber dann an der Wohnungstür ihm nur kurz den Reißverschluss der Jacke zusammenstecken will (um Gottes Willen nicht zumachen!), weil er dafür nun schon zehn Minuten braucht und er dies damit quittiert, schreiend und tobend alles (in Worten: ALLES!) wieder auszuziehen, und vor vorne beginnt. SELBER!

Denn „selber machen“ ist das große Stichwort. Der kleine Mann will zur Zeit ALLES selbst machen. Natürlich im Prinzip ebenfalls super. Und wir sind auch mächtig stolz, wenn er mit noch nicht einmal drei Jahren alleine sein Brot schmiert oder sich ohne jegliche Hilfe die Hände wäscht. Aber er KANN nun mal sein Laufrad nicht vier Treppenstufen alleine runtertragen. Und, sorry, bei mir muss er die Erfahrung nicht machen, sich dabei fürchterlich auf die Fresse zu legen. Dafür bleibt dann ein weiteres Mal nur der letzte Ausweg: Das Kind muss mit dem Auto in den Kindergarten gebracht werden, weil wir es nach gefühlten zehn Tobsuchtsanfällen sonst nicht mehr rechtzeitig schaffen. Und im Auto kann man ihn wenigstens festschnallen! Also man muss ja, nicht wahr?! Die kritischen Blicke der anderen Eltern, warum man die 1000 Meter echt mit dem Auto fährt, ignorier ich schon seit einigen Wochen …

Im Kindergarten erzählt man uns dann auf Nachfrage, dass er dort überhaupt nicht so ist. Kein Auf-den-Boden-schmeißen. Kein Geschrei. Ein Engel! Unseren ratlosen Gesichtern wird entgegnet, dass es tatsächlich eine Auszeichnung ist, dass er nur den Eltern gegenüber diese Durchdreher hat – das zeigt, wie sehr er uns vertraut und liebt. Super. Unser Kind muss uns WAHNSINNIG vertrauen und lieb haben! Damit wir damit besser klar kommen, haben wir nun auf Xavier Naidoo zurückgegriffen. Viele Male haben wir uns „Was wir alleine nicht schaffen …“ vorgespielt. Ich bin kein expliziter Fan von ihm, aber als Mantra für den Hinterkopf hat das Lied eine tolle Wirkung, wenn ein Zweijähriger vor dir steht und seinen Milchbecher schreiend durch die Küche schmeißt, weil er „selber eingeschütten“ wollte.

Richtig schwierig wird es aber natürlich erst in der Öffentlichkeit. Letztens sind wir an einem Freitagnachmittag mit dem Zug von Köln nach Berlin gefahren. Bad Idea. Der Zug war gerammelt voll. Wir hatten zwar einen Tisch reserviert, aber ernteten eine Menge böser Blicke von den Umstehenden, weil unsere Jüngste so gut wie nie auf ihrem Platz saß, sondern eher auf dem Arm gehalten wurde (aus Gründen). Außerdem nahm unser Kinderwagen einen wichtigen Stehplatz weg. Kurz vorm Aussteigen folgende Situation: Mein Sohn war von der langen Fahrt zermürbt und müde, was für Trotzanfälle wie ein Brandbeschleuniger wirkt. Unsere Tochter lag bereits angeschnallt in ihrer Babyschale, was zu einem Schreikrampf ihrerseits führte (keine Trotzphase, einfach nur ein Baby, das nun mal lieber auf dem Arm ist). Und ich hatte mir beim Runterheben des Koffers den Rücken ruiniert. Mein Sohn war bereits sauer, weil er mangels Alternativen beim Wechseln der Windel nur eine mit Bär (!) in der Größe seiner Schwester (!) erhalten hatte und sich seitdem weigerte seine Hose anzuziehen. Und auch wenn ich mittlerweile vollstes Verständnis für die radikale Methode habe, gab es eine schier endlos scheinende Diskussion coram publico mit unseriösen Versprechen (die ganz viel „Shaun das Schaf“ enthielten) und einer Geduld, für die Gandhi mich bewundert hätte, bis das Kind einigermaßen bekleidet war. Der Bahnhof war mittlerweile bereits in Sicht. Und mein Sohn eigentlich ganz ruhig. Es musste nur noch die Jacke angezogen werden. Nur noch die Jacke. Ja, ich hab „kurz“ den Reißverschluss zugemacht. Ich bekenne mich schuldig.

Doof natürlich, dass man sich in einem überfüllten Zug, wo alle in Richtung Ausgang streben, als ob es kein Morgen gäbe, nicht auf den Boden werfen und um sich treten kann, ohne diverse Mitfahrer zu erwischen. In solchen Momenten bin ich froh, meine Frau zu haben. Ich schaute sie an. Sie lächelte. So muss man sich ungefähr fühlen, wenn man im Augen eines Hurrikans ist. Für eine Mini-Sekunde war alles ruhig in mir. Da war nur noch ihr Lächeln und diese Melodie. „Wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang. … Wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang.“

4 Kommentare

Anja

Hallo Michael,

Kinder habe ich keine, aber wenn ich DAS so lese (und ich finde es köööööööööööööööööööstlich!!), kann ich mich glaub ich grad an meine eigene Trotzphase erinnern. Alles selber machen wollen… das hab ich glaub ich bis mindestens zum Teenageralter zelebriert – ausgiebigst! Frag mal meine Mutter und meine Tante (die wie eine zweite Mutter für mich ist)! So stressig diese Momente zeit ihres Geschehens sicher sind, bewahre Dir die Erinnerung im Herzen, denn diese Zeit ist soooo schnell vorbei! Ruckzuck sind sie groß und flügge. Und wie Du ja erkannt hast: auch die irrste Situation hat DEN einen Moment, für die sich das Leben lohnt.

Viele Grüße
Anja

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arne

Hallo,

diese Zeiten kenn ich aus eigener Erfahrung. Nur so toll erzählen könnte ich es nie.
DANKE

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Andrea

Hallo

ja die liebe Freunden des Alltags der Eltern.
Solche Situation wie oben geschildert kenn ich nur zu genüge, hab auch so nen kleinen „Hurrikan“. Es stimmt diese Trotzphase geht vorrüber, aber dann kommt die nächste und die nächste und schliesslich die Pubertät.
Aber vorrüber man sich heute aufregt lacht man morgen drüber.

Ich kam mal auf die Idee mit meiner Family die Trotzphase meines „Hurrikans“ zu besprechen, da kamen dann Kommentare wie „du warst genauso als du so klein warst“ und Geschichten gab es obendrein.

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