Die Macht des Zuschauers

Als bei der Fußball-WM 2010 nach dem grandiosen Sieg der deutschen Nationalmannschaft über England plötzlich die Meldung über den Bildschirm lief, dass die „Lindenstraße“ auf 5 Uhr morgens verschoben wird, blieb mir das wohlverdiente Grillwürstchen vor Schreck im Halse stecken. Grund war nicht eine Verlängerung oder ein Elfmeterschießen, sondern die „großartige Stimmung“ im Lande und die Unmöglichkeit, etwas von „Waldis WM-Club“ abknapsen zu können. Das war hart. Und ein bis dahin einmaliger Vorgang. Entsprechend groß war der Frust bei allen Beteiligten hinter der Kamera. Eine Folge mehr oder weniger für die Katz geschrieben und gedreht, denn morgens um 5 Uhr schauten logischerweise nicht ganz so viele Leute zu wie sonst.

Allerdings hatte ich nicht mit der Macht des Fernsehzuschauers gerechnet. Die sollte mich in den Tagen nach dieser Verschiebung sehr beeindrucken. Denn offensichtlich gingen bei der ARD bzw. dem WDR so viele Proteste durch Zuschauer ein, dass der Sender irgendwann einlenkte und die Folge kurzerhand am darauffolgenden Sonntag mit der regulären Folge im Doppelpack zeigte. Ebenfalls ein einmaliger Vorgang. Ich war verdammt stolz auf unsere Zuschauer, die sich ihre „Lindenstraße“ sozusagen eigenhändig zurück ins Abendprogramm geholt hatten. Ich war aber auch beeindruckt davon, dass die große ARD das Ohr sehr genau an der Stimmung ihrer Zuschauer hatte und in der Lage war, adäquat zu reagieren. Das fand ich mehr als erfreulich.

Im Bezug auf die ARD ist dies auch kein Einzelfall. Ein Jahr zuvor – im Sommer 2009 hatte ein Protest von „Lindenstraßen“-Zuschauer ebenfalls Gehör gefunden. Man hatte auf Eins-Festival die bis dahin wochentäglich laufenden Wiederholungen alter Folgen der „Lindenstraße“ plötzlich bei meiner Folge 829 abgesetzt, um wieder bei Folge 1 zu starten. Dabei war es für viele Fans ein liebgewonnenes Ritual, jeden Abend die alten Folgen zu schauen. Und sie wollten natürlich nun auch wissen, ob die Intrige von Valerie gegen Mary und Alex Erfolg hatte. Also bewegten sich auch in diesem Fall zahlreiche Zuschauer an den Computer, das Briefpapier oder das Telefon. Und protestierten beim Sender. Mit dem Erfolg, dass einige Wochen später verkündet wurde, dass die Wiederholungen ab Folge 830 an einem zusätzlichen Termin – Samstags – wieder aufgegriffen werden. Deswegen laufen heute wochentäglich und samstäglich alte Folgen. (Übriges derzeit sowohl am Wochentag als auch am Samstag Folgen aus meiner Feder.)

In beiden Fällen konnten die Proteste zwar nicht dazu führen, dass die gewohnten Ausstrahlungen normal weiterliefen – das Kind war ja sozusagen schon in den Brunnen gefallen. Aber der Sender hat gezeigt, dass ihm die Meinung seiner Zuschauer wichtig ist und er zu reagieren weiß. Am Sonntag wird nun zum ersten Mal in der Geschichte der „Lindenstraße“ keine Folge gesendet. Zwei Wochen später ist dies erneut der Fall. Wegen der olympischen Spiele in London. Es wird deswegen keine Handlung fehlen, denn uns Autoren waren die Umstände frühzeitig bekannt – wir haben sogar mit einer besonderen Folge „in der Mitte“ und dem Auftritt vom „fiesen Olli“ darauf reagieren können. Aber dennoch ist dies natürlich wieder einmal ein Bruch mit der Tradition. Man kann sich also vorstellen, dass ich nun sehr gespannt bin, wie diesmal die Zuschauer reagieren werden und zu was dies beim Sender führt …

5 Kommentare

Schneidi°

Hallo Michael,

adäquates und angemessenes reagieren ist gewiss nicht immer leicht – wir alle wissen es nur zu gut aus unserem Alltag.

Zwischen dem damaligen Ausfall der Folge 1282 „Ein großer Fehler“ und dem jetzigen Ausfall der Folgen am 29. Juli und 12. August 2012 gibt es meiner Auffassung nach einen großen Unterschied.

Im Jahr 2010 wurde der Protest der Zuschauer ernst genommen, wie Du ja auch schreibst. Damals reagierte die ARD und die Folge wurde kurzerhand am darauffolgenden Sonntag mit der regulären Folge im Doppelpack gezeigt.

Diesmal verhält es sich anders. Die ARD hat schon vor längerer Zeit beschlossen und dann der Lindenstraße mitgeteilt, dass die Folgen vom 29. Juli und 12. August 2012 ersatzlos ausfallen werden – in der Tat ein einmaliger Vorgang.

Was auch immer die Zuschauer jetzt an Protesten pp. starten – eines werden sie nicht erreichen – dass die beiden entfallenden Folgen noch geschrieben werden.

Nach meinem Eindruck hat sich die Wertschätzung der ARD verändert, was die Lindenstraße anbetrifft und ich frage mich, warum das so ist. Denn was die TV-Serien anbetrifft, so ist die Lindenstraße mit Abstand das beste Pferd im Stall der ARD und so ein Pferd behandelt man pfleglich.

Ich hätte mich sehr gefreut, wenn Frau Piel, die amtierende Vorsitzende der ARD und zugleich erste Frau in diesem Amt, zum Ausfall der Lindenstraße einmal aus ihrer Sicht persönlich etwas gesagt oder geschrieben hätte. Ich hatte sie persönlich angeschrieben, aber keine persönliche Antwort von ihr erhalten.

Eines indes lässt sich nach meiner Auffassung kaum weg diskutieren – Sendeplatz für die beiden Lindenstraße-Folgen hätte es in Hülle und Fülle gegeben. ARD, ARD Einsplus, ARDEinsfestival, die dritten Programme – die Möglichketen wären so vielfältig.

Ich freue mich sehr auf die Olympischen Spiele 2012 und heute Abend auf die Eröffnungsfeier, bei der u.a. Paul McCartney auftreten wird. Ich hätte mich aber auch sehr über die beiden Lindenstraße-Folgen am 29. Juli und 12. August 2012 gefreut.

Herzlichst
Schneidi°

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Christa

Er schreibt doch selbst, dass man die fehlenden Folgen nicht zurückholen kann. Ich verstehe das so, dass es um die Zukunft geht. In zwei Jahren ist wieder Olympia und wer weiß, was der ARD noch einfällt für Termine ohne Lindenstraße. Deswegen muss man protestieren. Vielleicht weiß er auch noch mehr, darf aber nix schreiben, weil er ja bei der ARD angestellt ist …

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Liane

Natürlich gibt es größere Probleme auf dieser Welt, als der Ausfall von zwei Lindenstraße-Folgen, aber sehr ungewöhnlich ist es trotzdem, weil es so etwas in der bisherigen fast 27jährigen Lindenstraße-Geschichte noch nicht gegeben hat. Der Sender hat in den letzten Jahren bei besonderen Fernsehereignissen bisher immer eine Lösung gefunden, um die Lindenstraße doch noch zeigen zu können. Selbst, wenn sie schon samstags oder sonntags ganz früh oder spät oder gar „nur“ im WDR gesendet wurde. Aber ausgefallen ist sie nie!

Der Ausfall zeigt doch nur, dass der ARD die Lindenstraße mittlerweile ziemlich gleichgültig geworden ist. Es kann mir keiner erzählen, dass man nicht 30 Minuten Fernsehkult irgendwo hätte reinpacken können.

Auch, wenn offiziell „nur“ die Olympischen Spiele am Ausfall „Schuld“ sein sollen, denke ich, dass sehr viel mehr dahintersteckt. Der Lindenstraße wird nach und nach der Geldhahn zugedreht und mit Folgenkürzungen fängt es an. Bin mal gespannt, welche Ausrede uns die ARD im nächsten Jahr auftischen wird, dass wieder nur 50 Folgen gezeigt werden können.

Es gibt ganz bestimmt skandalöserere Dinge auf dieser Welt, als der Ausfall von zwei Lindenstraße-Folgen. Aber trotzdem stirbt mit dieser Maßnahme ein kleines Stückchen Fernsehgeschichte. Die Lindenstraße hat einfach nicht mehr den Stellenwert, den sie früher einmal genossen hat. Schade. 🙁

Bleibt nur zu hoffen, dass die ARD-Verantwortlichen nicht eines Tages auf die Idee kommen, auch noch die verbleibenden 50 Folgen ausfallen zu lassen!

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Schneidi°

Ich frage mich, was für das öffentlich-rechtliche TV Erfolg bedeutet und wie dieser festgestellt wird. Ist es die Einschaltquote allein, die das Maß aller Dinge ist…?° Zuviel Prozent spielen die Inhalte des TV-Programmes eine Rolle…?°

Ich denke da an ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit – „Gottschalk Live.“ Da hatte Thomas Gottschalk den Mut, etwas Neues in der ARD auf einem Sendeplatz zu präsentieren, der *sagenwirmal* nicht einfach ist.

In der öffentlich-rechtlichen Diskussion um diese neue Sendung ging es von Anfang an nur um die Quote. Selten nur war ein Wort über die Inhalte von „Gottschalk Live“ zu lesen. Zeit, das neue Format zu entwickeln, wurde kaum gewährt – nach nicht einmal einem halben Jahr war Schluss mit „Gottschalk Live“.

Eine ähnliche Entwicklung sehe ich im Ausfall der Lindenstraße am 29. Juli und am 12. August 2012. Die aktuelle Quote der Lindenstraße ist halt nicht mehr so wie vor 25 Jahren, als die Lindenstraße noch neu war und es gerade mal um die fünf Fernsehprogramme zu empfangen gab. Die Inhalte der Serie, der Kult der wöchentlichen Ausstrahlung am Sonntag um 18:40 bzw. 18:50 Uhr, die Verbundenheit der Lindenstraßefans mit ihrer Serie – alles dies scheint nicht bzw. nicht im angemessenen Maße seitens der ARD-Verantwortlichen wahrgenommen worden zu sein, als es um die Sendeplatzentscheidung pro Olympia und kontra Lindenstraße im August 2012 ging.

Olympische Spiele gab es seit dem Sendebeginn der Lindenstraße am 08. Dezember 1985 insgesamt 13 Mal – 6 x Olympische Sommerspiele und 7x Olympische Winterspiele. Nie wurde bisher deshalb die Entscheidung getroffen, die Lindenstraße ersatzlos ausfallen zu lassen. Doch man kommt einfach nicht umhin, festzustellen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen der Bericht aus Berlin noch der Bericht aus Bonn war und stets mit den Worten endete „Guten Abend. Das Wetter.“

Es ist so schade.

Herzlichst
Schneidi°

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Knecki

Mh interessiert irgendwie nicht. Lindenstrasse hat sich Tod gelaufen. Langweilig geworden. Die ersten Folgen habe ich mir ja schon mal angeschaut aber dann nicht mehr. Es gibt bessere Sachen im Fernsehen. Und es gibt wichtigere Sachen im Leben um sich aufzuregen das Lindenstrasse nicht gezeigt wird.

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