Amazon und ich

Frei nach Karl Valentin: Es ist schon alles über Amazon gesagt, nur noch nicht von allen. Deswegen will auch ich meine Sicht auf den in den letzten Wochen viel diskutierten Internetriesen zum Besten geben. Als Selfpublisher, der bevorzugt Amazon zum Vertrieb seiner Werke nutzt, wird man nach seiner Meinung gefragt und setzt sich natürlich auch mit den Berichten und Diskussionen auseinander.

Für alle, die in den letzten zwei Wochen in Sibirien waren, kurz der Hintergrund: Eine Dokumentation der ARD hat harte Kritik an den Arbeitsbedingungen bei Amazon verübt. Dies führte zu öffentlichkeitswirksamen Lossagungen von Amazon durch Verlage oder Autorinnen, zu Reaktionen bei Amazon selbst und zu einer verwirrten Protagonistin des Films, die sich zum Teil falsch wiedergegeben fühlte.

Amazon

Die Frage, die nun immer wieder auftaucht: Kann man bei Amazon noch einkaufen? Kann man als Autor seine Bücher noch über Amazon anbieten?

Ich muss erst einmal sagen, dass ich die Dokumentation selbst – obwohl sie eine notwendige Diskussion ausgelöst hat – als unnötig reißerisch und journalistisch mangelhaft empfand. Das darf nicht den Blick auf die realen Probleme verstellen, aber es hat mich eher für als gegen Amazon eingenommen. Vor allem haben mich aber einige der allzu empörten Reaktionen an Captain Renault aus „Casablanca“ erinnert. Nachdem er regelmäßig in Ricks Café an Glücksspielen teilnimmt, antwortet er auf die Frage, warum er das Café schließen lässt: „Ich bin schockiert, richtig schockiert, dass hier um Geld gespielt wird.“

Natürlich ist es nicht schön, Leiharbeiter zu Mindestlöhnen herankarren zu lassen, dubiose Sicherheitsdienste zu beschäftigen und sich hinter einer Mauer des Schweigens zu verstecken. Aber brauchte es wirklich diese Dokumentation, bis einem bewusst wurde, dass es so etwas gibt? Und ist Amazon da eine Ausnahme? Gibt es nicht sogar zahlreiche Unternehmen, die unseren Alltag bestimmen und ähnliches bis weit schlimmeres (in fernen Länden …) zu verantworten haben? Kann ich das als Konsument oder Geschäftspartner überhaupt beeinflussen? Geschweige denn kontrollieren?

Klar, kann man sagen: Arbeite doch mit deinem lokalen Buchhändler zusammen und nicht mit dem bösen Amazon. Aber was ist, wenn mein lokaler Buchhändler seine Gewinne der NPD spendet? Oder wenn ER dann damit bei Kik einkauft? Wie soll ich das überprüfen? Wem kann ich vertrauen? Natürlich sind das zunehmend absurde Fragen, aber sie zeigen, dass das Problem keine einfache Lösung hat. Ich will nicht behaupten, dass man als Konsument alles mitmachen muss. Jeder hat sicherlich seine eigenen Grenzen. Als ich bei meinem Umzug nach Berlin eine wunderschöne Wohnung gefunden hatte, stellte ich erst bei Zusendung des Mietvertrags fest, dass DVU-Chef Gerhard Frey der Besitzer der Immobilie war. Das war meine Grenze. Ich habe dankend abgelehnt. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ein Großkonzern, der sich im gesetzlichen Rahmen bewegt und zudem Dialogbereitschaft über seine Verfehlungen zeigt, meine persönliche Grenze überschreitet.

Entsprechend würde ich mir wünschen, dass solche Diskussionen von allen Beteiligten etwas differenzierter und sachlicher geführt werden. In jede Richtung. Amazon ist kein Musterbetrieb. Amazon ist nicht der Untergang des Abendlandes. Die Antwort auf die eingangs gestellt Frage ist also: Ja, ich werde weiterhin meine Bücher dort vertreiben …

5 Kommentare

Sam

Da scheinen auch einige andere Dinge in der Doku falsch rübergekommen zu sein. So hat wohl nicht Amazon den Sicherheitsdienst angeheuert, sondern die Zeitarbeitsfirma, die die Arbeitskräfte organisiert hat. Und die scheint auch mehr Verantwortung für die Lohndrückerei zu haben als Amazon.
Dazu kommt, dass viele der Arbeiter ja scheinbar gern kommen um die Chance zu haben, Geld zu verdienen.
Sensationsjournalismus halt…

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Kay

Ja. Wie immer lohnt es sich, das Ganze differenziert zu betrachten. Da stimme ich voll und ganz zu. Denn durch Deine Artikel im Blog wird deutlich, dass Amazon für Selfpublisher ein geeigneter Partner ist. Und wenn es um E-Books geht, bietet das Internet sicher die ideale Einkaufsplattform.
Um die Frage „brauchte es wirklich diese Dokumentation …“ zu beantworten: JA! Auch wenn sie zu reißerisch ist und vielleicht auch nicht 100% der Inhalte stimmen. Die meisten Online-Besteller haben nur „Hauptsache günstig & einfach!“ im Kopf und da man nur über eine Website Zugang zu den Waren hat, vergißt sicher die Mehrheit der Einkäufer, dass dahinter Menschen stehen, die das alles möglich machen. Das Amazon nicht der ideale Arbeitgeber ist, dürfte dem gut informierten Käufer schon vorher aufgefallen sein, denn Zeit & Co haben schon einige Artikel zu dem Thema veröffentlicht. Allein deshalb gehe ich dem Riesen Amazon weitestgehend aus dem Weg. Denn es geht nicht darum, ob der lokale Buchhändler der NPD spendet. Es geht darum, dass es ihn überhaupt noch gibt! Ich mag mir keinen Ort vorstellen, in dem es nur noch einen Supermarkt für den täglichen Bedarf gibt und alles andere muss man dann online bestellen. Hier geht es um mehr: persönlichen Kontakt, Einkaufserlebnis, Beratung (nicht durch Online-Bewertungen, bei denen man eh nieweiß, ob sie Fakes sind), und nicht zu letzt geht es um die für jede Gemeinde so wichtige Gewerbesteuer.
In meinem Dorf gab es bis vor einem Jahr einen kleinen aber feinen Spielzeugladen, der aufgeben musste, weil Kunden ihn hauptsächlich zu Information und Beratung genutzt haben und am Ende hat das Weihnachtsgeschäft immer öfter Amazon abgewickelt, unterstützt von Billiglohn und Co.
Und so freue ich mich über jeden Tropfen, der Menschen dazu bringt, über ihr Handeln nachzudenken und vielleicht einmal mehr bewusst wieder vor Ort einzukaufen. Und deshalb hier noch einmal eine oft genannte Forderung: Think global – buy local!

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Meikel

Ach, das ist ja eine spannende Listra-Interna: DER G.F. (nein, diesen Namen schreibe ich nicht nochmal aus!) war also Namenspatron für den besagten „Gerd Hey“, der 2002 (und letzte Woche bei eins festival) beinahe Haus Nr. 3 gekauft hätte.

Und zufällig ist letzte Woche besagter G.F. (der echte!) auch noch gestorben.

Hab ich in Sibirien gar nicht mitgekriegt …

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KatjaK

Eigentlich ist es ja nichts neues: Schon vor 20 Jahren gingen ostdeutsche Wanderarbeiter in die Schweiz, um dort in der Industrie am Fließband zu stehen.
Was Amazon betrifft: Für den Käufer gut und günstig, obendrein noch schnell. Da wird diese Berichterstattung schnell vergessen sein.

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