Wird Selfpublishing schwieriger?

Das Jahr 2015 hat für mich als Selfpublisher bisher eine Vielfalt unterschiedlicher Emotionen mit sich gebracht. Es gab den ersten großen Flop, ein unvergessliches Gruppenerlebnis auf der Buchmesse und ich darf nun bestaunen, wie meine Werke durch eine Promotion ein unglaubliches Comeback erleben. Mein Weg ist sicher nicht repräsentativ für alle Selfpublisher, aber ich möchte gerne meine Beobachtung teilen, die sich aus ihm ergeben.

Der Goldrausch ist vorbei

Das ist für die meisten Selfpublisher sicher keine Neuigkeit: Das goldene Zeitalter des Selfpublishings, in dem man fortlaufend Autoren traf, die selbst nicht wussten, wieso ihre eBooks sich plötzlich zu Tausenden verkauften, liegt hinter uns. Längst hat sich herumgesprochen, dass man mit selbst veröffentlichten Werken insbesondere über Amazon ungewöhnlich viel Geld als Autor verdienen kann. Entsprechend steigt die Zahl der Publikationen. Zwar steigt auch die Zahl der Leser, die zum eBook greifen, aber nicht im selben Verhältnis. Vor allem aber verteilen die neuen Leser sich nicht gleichmäßig auf die neu hinzukommenden Selfpublisher. Denn – und das war schon immer so – beim Selfpublishing gerade über das KDP-Programm von Amazon gilt: „Winner takes it all“. Die Bücher, die durch die Algorithmen in Charts und Empfehlungen sichtbar werden, verkaufen sich weit besser als früher. Aber wer es nicht dorthin schafft oder auch nicht nachhaltig, der verschwindet im Nirwana. Und das kann jedem passieren. So beobachte ich seit Monaten, dass sogar in den Anfangsjahren sehr erfolgreiche Autorinnen und Autoren mit einem Buch plötzlich kaum noch nennenswerte Verkäufe erzielen. Aber natürlich passiert das nicht allen. Was macht den Unterschied?

Selfpublisher, bleib bei deinen Genres

Es gibt in meinen Augen vor allem zwei Gründe, warum manche Selfpublisher plötzlich den gewohnten Erfolg vermissen lassen. Erstens: Sie entfernen sich zu sehr von dem Genre oder der Reihe, die erfolgreich war. Und zweitens: Sie veröffentlichen zu selten etwas Neues.
Dummerweise musste ich beides selbst erleben. Zunächst einmal habe ich Ende letzten Jahres nach einem halben Jahr Pause den dritten Band meiner Reihe „Im falschen Filme“ herausgebracht. Die Pause war zu lang. Das Projekt war aufgrund der Aufteilung in sechs Einzelfolgen zwar trotzdem ein finanzieller Erfolg (durch Kindle Unlimited – siehe hier) und es war auch ein großer Spaß. Aber der dritte Band hat sich deutlich weniger verkauft als die ersten beiden Bänden.
Als ich eines Morgens mich selbst trafSchlechter noch erging es mir mit meinem Roman „Als ich eines Morgens mich selbst traf“, den ich im Februar veröffentlicht habe. Dieser war ein richtiggehender Flop mit wenig mehr als 1000 Verkäufen – die meisten zum Startpreis von 99 Cent. Mit dem Buch habe ich nicht einmal meine Kosten eingespielt. Und das obwohl es ein in sich geschlossener Roman war, der zudem am Starttag aufgrund treuer Fans direkt auf Platz 37 der Kindle-Charts gelandet ist. Überhaupt: Beim Start, der Werbung und allem drum herum habe ich wenig falsch gemacht – das Buch war gut sichtbar. Aber es lag wie Blei in den virtuellen Regalen. Warum? Cover und Klappentext sind – durchaus passend zu Buch – nicht eindeutig einem Genre zuzuordnen und was noch schlimmer ist: Sie sind bei allen Parallelen nicht das, was der Leser von Vanessa Mansini gewohnt war. Und damit war das Todesurteil über das Buch gefällt.
Ähnliches beobachte ich bei dem ein oder anderen Kollegen. Und ähnliches erkennt man auch bei einem Blick in die Charts: Erfolg haben zumeist dieselben Muster, dieselbe Genres, dieselbe Art von Cover, Titel und Klappentext. Für Autoren, die Abwechslung lieben, ist das keine gute Nachricht. Aber andererseits können gerade die, die regelmäßig in einem bewährten Muster veröffentlichen und Erfolg haben, es sich auch leisten, ab und zu mal ein Herzensprojekt zu schreiben …

Bildet Banden

Messestand LieblingsautorenEs gab für mich aber auch sehr positive Entwicklungen. Eine davon war ein Gemeinschaftsstand auf der Buchmesse in Leipzig, auf dem ich mit einer Reihe von erfolgreichen Kolleginnen und Kollegen unter der Marke „Lieblingsautoren“ meine Bücher und mich selbst präsentieren durfte. Die ganze Veranstaltung war nicht nur ein großer Spaß, eine weitere wertvolle Erfahrung im selbständigen Arbeiten (denn wir haben alles selbst organisiert …) und eine deutliche Stärkung des Wir-Gefühls unter den befreundeten Selfpublishern. Nein, es war auch strategisch gesehen eine wichtige Entscheidung: Wir konnten uns als hochprofessionelle Autorinnen und Autoren präsentieren, die zu einer festen Größe im deutschen Buchmarkt geworden sind. Immerhin haben die „Lieblingsautoren“ zusammengerechnet bereits über 6.000.000 Bücher verkauft – womit wir auf der Messe zu den auflagenstärksten Ständen gehört haben dürften. Die Folge unserer Präsenz war, dass man von diversen Seiten (Distributoren, Medien, Dienstleister usw.) auf und nach der Messe nun den Kontakt zu uns suchte, wo es für den einzelkämpfenden Selfpublisher sonst doch oft genau andersherum läuft. Und das erleichtert die Arbeit natürlich ungemein bzw. führt dann auch zu solch tollen Abenden, wie wir ihn in den Hallen von Amazon Leipzig mit einer einmaligen Lesung aus unserem Gemeinschaftsbuch „24 Stunden – 24 Autoren“ erleben durften.Lesung 24 Stunden - 24 Autoren
Natürlich kann nicht jeder solch eine Gruppe aus dem Boden stampfen. Aber es gibt nach meiner Beobachtung auch generell eine Tendenz dazu, dass die Autoren weiter kommen, die sich zusammentun, austauschen und gegenseitig helfen. Ganz vorne dabei ist der neu gegründete Selfpublisherverband, der im zunehmenden Maße hilfreiche Angebote für Mitglieder einrichtet und für jeden offen ist. Nur weil man selbst veröffentlicht, muss man also wirklich nicht alles alleine machen …

Deal or No Deal

Ob es ein direktes Ergebnis der Leipziger Buchmesse und den dort geknüpften oder vertieften Kontakte war, kann ich nicht genau sagen. Aber Ende Mai war es mir vergönnt, mit dem ersten Band von „Im falschen Film“ Teil eines „Kindle Deal der Woche“ zu sein – der ultimativen Promotion für einen Selfpublisher. Der Deal wurde zu einem grandiosen Erfolg. Nicht nur schaffte es der erste Band bis auf Platz 7 der Kindle-Charts. Nein, er zog auch noch den zweiten und dritten Band mit nach oben, so dass diese sich nun um Platz 100 befinden und alle drei Bände – auch noch eine Woche nach Ende des Deals – sich zusammen täglich hundertfach verkaufen bzw. geliehen werden. „Winner takes it all.“
Deswegen konnte ich gestern ein ganz besonderes Jubiläum feiern: Die 100.000! So viele eBooks sind nun seit Beginn meiner Selfpublisher-Karriere im Winter 2012 kostenpflichtig runtergeladen worden. Auch wenn darunter viele Einzelfolgen von „Im falschen Film“ für 89 Cent waren oder günstige Verkäufe bei Preisaktionen, so ist die Vorstellung, dass nun mehr als 100.000 Mal eine Leserin oder Leser bei einem meiner Bücher auf „Kaufen“ oder „Leihen“ geklickt hat, schon atemberaubend.
Das alles habe ich hauptsächlich Amazon zu verdanken, die nach wie vor den Markt für Selfpublisher beherrschen. Aber das Jahr 2015 hat auch mit sich gebracht, dass neue Player den Markt betreten haben. Ihn unübersichtlicher machen. Aber auch neue Chancen generieren. So starte ich gerade einen zweiten Versuch mit „Als ich eines Morgens mich selbst traf“ – das seit ein paar Tagen in den Tolino-Shops erhältlich ist und derzeit von einer 99-Cent-Promotion bei Thalia profitiert. Dort habe ich noch nie nennenswert Bücher verkauft. Aber offensichtlich ändert sich das nun. Und auch im iBookstore wird erfreulicherweise ein Buch von mir beworben: „Nicht von dieser Welt„. Sicherlich wird in diesen Jahr auch „Im falschen Film“ noch seine Weg in diese Shops finden und dann wird es richtig spannend …

Fazit

Ich liebe es nach wie vor, Selfpublisher zu sein. Es gibt Höhen und Tiefen. Wie im echten Leben. Und wenn man beständig und professionell arbeitet, dann sind Erfolge und Glücksgefühle möglich, die gerade für einen Autor eine echte Rarität sind. Aber, und das ist dann auch eine klare Antwort auf die Eingangsfrage, es wird deutlich schwieriger. Wer sich heute neu für den Weg als Selfpublisher entscheidet oder wer bisher noch nicht richtig Fuß fassen konnte, der braucht Geduld, Können und auch Geld, das er investieren kann. Der muss viel lernen, kommunizieren und Enttäuschungen wegstecken können. Ja, er muss leiden können. Wie eigentlich fast immer, wenn man seinen Traum zum Beruf machen will …

9 Kommentare

Sam

Wie immer scheint man eine Weile durchhalten zu müssen, damit man auch mal eine Erfolgswelle abbekommt. Die Zeiten wo man mit einem oder zwei unregelmäßigen Büchern was werden konnte sind vorbei.
Jetzt beweist sich, wer Durchhaltevermögen hat und sich an den Markt anpassen kann…
Glückwunsch zu den 100.000 – da bin ich noch weit von entfernt…

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Jo Berger

Vielen Dank für diesen Beitrag und den Einblick in Deine Gedankengänge zum Thema. Herzlichen Glückwunsch zu den 100.000 verkauften eBooks. Es ist, wie Du sagst, ein wahnsinnig erhebendes Gefühl, zu wissen: so viele Menschen haben meine Bücher gelesen.
Liebe Grüße
Jo Berger

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Nike Mangold

Auch von mir Glückwunsch zur sechsstelligen Verkaufszahl.
Was „Als ich eines Morgens mich selbst traf“ betrifft, klingst du, als hättest du das Buch schon aufgegeben. Meinst du nicht, dass da noch etwas kommen kann, dass die Verkäufe noch anziehen, weil sich z.B. Blogger finden, denen es gefällt, oder sonst irgendwo darüber berichtet wird? Ist es deiner Erfahrung nach so, dass sich ein Buch nur in den ersten Monaten verkauft, und dann kaum noch?
Würde mich echt interessieren!

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Michael

Liebe Nike, ja und nein. 🙂 Ich glaube nicht, dass auf dem Weg über Blogger oder Mund-Propaganda usw. noch etwas passiert. Dazu kenne ich die Mechanismen von Amazon zu gut. Das wird nicht reichen. Für Sichtbarkeit und entsprechende Verkäufe (also mehr als 1 oder 2 am Tag) muss deutlich mehr passieren.

Aber trotzdem ist es nicht so, dass Bücher nur am Anfang Erfolg haben können. Meine Reihe „Im falschen Film“ ist durch EINE Promotion gerade wieder ein unglaublicher Erfolg – eineinhalb Jahre nach Veröffentlichung des ersten Teils. Und natürlich kann auch „Als ich eines Morgens mich selbst traf“ immer mal wieder mit hochgezogen werden, wenn andere Bücher von mir im Blickpunkt sind oder so …

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zykez

Och, der eBook-Markt hat noch ein großes Potenzial. Die deutschsprachigen eBooks sind bei Amazon im letzten Jahr lediglich um ca. 50-100k auf ca. 350k angestiegen. Im englischsprachigen Markt kamen ganze 1mio neue eBooks hinzu.
In DE liegen aber die Verkaufszahlen fürs (alte) Kindle noch um die 400-500k, somit gibt es formal immer noch mehr Kindle-Reader in DE als dt. eBooks.
Da ist noch ganz viel Potenzial.^^

Wiedererkennbarkeit ist in einem ‚überlaufenden‘ Markt, und das ist der eBook-Markt bei Amazon nun mal, ganz wichtig, denn nur dann finden einen auch die (Stamm)Leser schnell wieder. Das fällt unter gewöhnliches Marketing. 😉

btw. schreibst du eigentlich noch Drehbücher bzw. wird es auch mal einen neuen Artikel über ‚Drehbücher‘ geben oder liegt der Fokus inzwischen nur noch auf Selfpublishing?

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Michael

Stimme Dir bei Potenzial und Markenbildung vollkommen zu …

Was die Artikel angeht: Wie man unschwer sehen kann, komme ich derzeit eher gar nicht zum Bloggen. Das war der erste Beitrag in diesem Jahr. Aber wenn, dann wird es sich wohl eher mit SP beschäftigen, weil in dem Bereich einfach mehr (neues) passiert und es irgendwie auch spannender ist … 🙂

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Jill

Ein toller Beitrag der mir verdeutlicht, worauf ich mich gefasst machen muss. Wie so oft im Self-Publishing, versuche ich nun bald, mein Hobby langfristig gesehen, zum Beruf zu machen. Leider ist der Weg steinig. Mein größtes Problem ist jedoch, dass ich eine Reihe schreibe und definitiv länger als ein halbes Jahr brauchen werde, um Band zwei fertig zu stellen. Würdest du mir dann eher dazu raten, mit der Publikation des ersten Bandes noch abzuwarten und den zweiten Teil vorzuschreiben?

Liebe Grüße und vielen Dank für die Einblicke
Jill

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Michael

Schwer pauschal zu sagen. 🙂 Es kommt sicherl drauf an, wie stark die Bände aufeinander aufbauen. Wenn der erste auch mehr oder weniger für sich stehen kann, könntest Du es schon mal früher versuchen. Aber wenn es mehr oder weniger mit einem Cliffhanger aufhört und man den zweiten Band ohne den ersten gar nicht versteht, ist ein halbes Jahr schon ziemlich lang …

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