Nicht von dieser Welt – Das Making-of (II)

Dies ist der zweite Teil meines ausführlichen Berichts über die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte des Kindle-Bestsellers „Nicht von dieser Welt“. Nachdem ich gestern im ersten Teil berichtet habe, wie der Blog „Vanessa X.“  – auf dem der Roman basiert – entstanden ist, geht es heute darum …

Wie Vanessas Blog ankam

Von Anfang an gab es eine kleine Schar treuer Leser und vor allem Leserinnen der Blogfiction Vanessa X. Was mich besonders freute: Vom ersten Blogeintrag an richteten sich alle Kommentare an Vanessa, nicht an mich. Niemand schrieb: „Witziger Beitrag heute, Herr Meisheit“, aber dafür „Mach das nicht, Vanessa!“. So konnten die Leser tatsächlich Einfluss nehmen auf den Verlauf der Geschichte. Teilweise ließ ich sogar über Vanessas Facebook-Seite abstimmen, was sie tun oder wie sie ihr Kind nennen sollte. Auch wenn ich manches Element leider viel zu selten nutzte, war dies für mich genau das, was ich mit neuen erzählerischen Wegen meinte. Ebenso wie das regelmäßige Verlinken von anderen Internetseiten. Bezog sich Vanessa auf ein aktuelles Ereignisse – von Unruhen in London bis hin zu Fußballspielen – oder freute sie sich über einen neuen Laden in Kreuzberg, dann wurde das entsprechende Wort mit einem Link unterlegt. Genauso leitete einen mancher Fachbegriff zu Wikipedia oder eine ironische Bemerkung zu einem passenden Film bei YouTube.

Eigentlich machte das Schreiben richtig Spaß und es lief ungefähr so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nur eins hatte ich komplett unterschätzt: Während ich den Aufwand des Schreibens bewältigen konnte, hatte ich überhaupt keine Zeit, den Blog bekannt zu machen. Natürlich freute ich mich über die 30 bis 40 Besucher, die regelmäßig bei einem neuen Beitrag auf die Seite kamen, aber eigentlich sah ich das Potential als weit größer an. Aber wenn man keine Werbung macht, wie sollen die Leute das Ding dann finden? Und wenn es mir dann mal mit vergleichsweise viel Aufwand gelang, ein Blog-Interview unterzubringen, musste ich feststellen, dass eine andere Rechnung ebenfalls nicht aufging: Niemand stieg später in die Geschichte ein. Ich verlinkte zwar immer wieder auf wichtige andere Beiträge oder fasste mehr oder weniger geschickt zusammen, was für den aktuellen Beitrag wichtig war, aber dennoch kamen keine neuen, regelmäßigen Leser dazu. Als dann auch insgesamt die Leserzahlen sanken und zusätzliche „echte“ Arbeit durch ein neues Drehbuchprojekt auf mich zukam, zog ich die Reißleine: Ich stellte den Blog im September 2011 ein!

Echt? Wird jetzt so mancher fragen. Denn wie man ja heute weiß, wurde die Geschichte zu Ende geschrieben. Ja, aber sie war zwischendurch schon beendet – hier der damalige Abschiedseintrag. Gerettet hat Vanessa der Tagesspiegel. Und das kam so: Bei aktuellen Ereignissen hatte ich als Berliner verhältnismäßig oft auf den Tagesspiegel verlinkt. Offensichtlich war dies dort jemandem in der Redaktion aufgefallen. Er schaute sich die Seite, von der immer wieder Leute auf Tagesspiegel-Online kamen, genauer an und berichtete von Vanessa in einer Redaktionskonferenz. In der eine alte Freundin von mir saß und bei meinem Namen hellhörig wurde. Man beschloss, dass sie etwas über Vanessa X. für den Tagesspiegel machen sollte. Die entsprechende Mail erreichte mich wenige Tage nach der Beendigung des Blogs im Urlaub in der Türkei. Es gab dann ein mittlerweile legendäres Telefonat am Strand mit schlechter Verbindung und nölendem Kleinkind im Hintergrund, bei dem ich gemeinsam mit der Redakteurin beschloss, Vanessa wieder auferstehen zu lassen – denn diese Art von Publicity konnte ich ihr und mir nicht entgehen lassen.

Wenige Tage später war Vanessa zurück und beklagte sich im Blog, dass irgendein Verrückter ihre Identität geklaut hätte, um im Blog zu verkünden, dass es diesen nicht mehr gäbe. So ein Blödsinn! Vanessa war noch da! Und sie hatte viel zu erzählen! Die Fotos aus unserem Türkei-Urlaub mussten verarbeitet werden, die Eingewöhnung meines Sohns in der Kita stand an – also ging nun auch der kleine Ben in der Geschichte in die Kita. Es kam Weihnachten, der Jahreswechsel und bald auch der errechnete Geburtstermin von der kleinen Lucy. Von Anfang an war die Geburt von Vanessas Kind für mich der angepeilte erzählerische Höhe- und Schlusspunkt gewesen.

Tagesspiegel

Zwischenzeitlich gab ich dem Tagesspiegel das Interview und durfte voller Stolz sehen, dass ich es sogar mit einem Foto auf die Titelseite der Zeitung schaffte. Durch die Online-Variante des Beitrags kamen tatsächlich auch zahlreiche Leute in meinen Blog. Das Interesse war für einige Tage enorm. Aber der Frust folgte bald: Richtig hängen blieben so gut wie keine neuen Dauerleser.  War die Geschichte einfach zu weit fortgeschritten? Oder doch nicht so interessant, wie ich sie selbst empfand? Nun gab es für mich gleichzeitig ja tatsächlich die erwähnte zusätzliche Drehbucharbeit und logischerweise auch die reale Geburt meiner Tochter. Wer Kinder hat, weiß selbst, was gerade das zweite Kind für die Logistik des Lebens bedeutet: Man kommt zu gar nichts mehr. Trotzdem wollte ich meine mittlerweile sehr lieb gewonnene Vanessa zu einem Ende bringen …

Ich kann natürlich heute all die Kritiker verstehen, die den großen Schlusspunkt der Geschichte als etwas knapp und plötzlich empfinden. Eigentlich hatte ich auch noch mehr große Pläne – das Finale sollte in Echtzeit über Vanessas Twitter– und Facebook-Account verfolgt werden können. Aber zu all dem fehlte mir leider die Zeit. Ein Element meiner Planung gelang mir aber immerhin noch: Bis zum letzten Beitrag war die Geschichte so konstruiert, dass sich Vanessa zwischen den beiden Männern der Geschichte so oder so hätte entscheiden können. Beide Endvarianten wären aus meiner Sicht möglich, für beide hatte ich Geschichten im Kopf. Die Entscheidung gefällt haben hier die Leserinnen mit ihren Kommentaren. Und das ziemlich eindeutig …

Dennoch fiel ich nach dem Ende von „Vanessa X.“ erst einmal in ein Loch. Das eigentlich sehr spannende Projekt war etwas lieblos zu Ende gegangen und verschwand nun im Nirwana des Internets. Wie es ein gutes Jahr später dort wieder herausgeholt wurde, berichte ich im dritten und letzten Teil

2 Kommentare

stilhaeschen

Entschuldige, ich habe im dritten Absatz aufgehört: „ich stellte den Blog ein“. Ich weiß, es ist Oldschool-Poser-Pipifax, aber ich kann nicht anders. Ich bin auch nur ein Mensch. Aber Dir wohlgesinnt: einst war ich tritop. Wenn ich jemals sowas wie einen E-Reader besitze, ich kauf‘ mir das Ding. Versprochen.

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Michael

Ich versuche, das mal zu übersetzen: Du hast aufgehört zu lesen, weil Dich „der Blog“ in den Wahnsinn treibt? Du meinst, Du hattest einst auf jetzt.de den Nicknamen „tritop“? Und Du denkst, kein E-Reader ist eine Ausrede, aber weißt offensichtlich nicht, dass es das Ding auch als Taschenbuch gibt? 🙂 Oder wie?

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