Drehbuch schreiben Geld verdienen (I)

Jeder, der einen Blog führt, weiß, durch welche eigenwilligen Suchbegriffe die Leser manchmal auf die eigene Internetseite stolpern. Bei mir landete neulich jemand mit der Begriffreihe „Drehbuch schreiben Geld verdienen“. Da ich auch sonst immer wieder einmal gefragt werde, wie man denn eigentlich Drehbuchautor wird und ob sich „das lohnt“, will ich mich in einer kleinen Reihe etwas ausführlicher an diejenigen wenden, die ihr Glück beim Drehbuch schreiben suchen wollen. Heute soll es erst einmal um die Frage gehen, wie überhaupt die Berufschancen sind.

Nicht gut. Das muss einem klar sein. Um zu zeigen, wie schwer es ist, hauptberuflich als Drehbuchautor in Deutschland zu arbeiten, muss man sich ein wenig mit Zahlen beschäftigen. Leider ist die deutsche Film- und Fernsehindustrie nicht gerade transparent, so dass es keine offiziellen Statistiken gibt, mit denen man etwas anfangen kann. Es bleibt einem nur grob zu schätzen, wie viel Fiktion produziert wird. Also wie viel Arbeit es überhaupt für einen Drehbuchautor gibt. Dabei muss man nach Gattungen unterscheiden:

Bei den Kinofilmen ist es noch relativ einfach. Es werden in Deutschland jährlich 100 bis 120 Kinofilme mit deutscher Beteiligung produziert. Wenn man bedenkt, dass so manches Mal auch ein ausländischer Autor das Buch geschrieben hat bzw. einige wenige es auch auf mehr als einen Film pro Jahr bringen, können hier maximal 100 Drehbuchautoren beschäftigt werden. Dabei reden wir allerdings nicht von 100 Blockbustern, sondern auch von sehr vielen Filmen, die kaum Beachtung finden und mit minimalem Budget produziert werden. Das klappt dann häufig nur unter Selbstausbeutung der Beteiligten – also auch der Autoren. Entsprechend gibt es auffallend viele Autoren, die nach ihrem Erstling nie wieder etwas schreiben …

Für Fernsehfilme gibt es – wie gesagt – keine verlässlichen Zahlen. Es gibt pro Woche acht bis zehn feste Sendeplätze für Fernsehfilme bei den vier Senderverbünden, die in Deutschland Filme produzieren: ARD, ZDF, RTL und ProSiebenSat.1. Darin sind schon Reihen wie der „Tatort“ inbegriffen – also alles, was 90 Minuten lang ist. Da es eine mehrmonatige Sommerpause gibt, in der meistens nur Wiederholungen gezeigt werden, und da es durch Feiertage, Sportereignisse usw. auch noch viele andere Tage gibt, an denen keine Filmpremieren stattfinden, würde ich mal sehr grob schätzen, dass im Jahr 300 bis 350 neue Fernsehfilme gezeigt bzw. produziert werden. Man kann davon ausgehen, dass einige Autoren mehr als einen Fernsehfilm pro Jahr schreiben, gerade bei den Reihen. Es würde mich wundern, wenn mehr als 200 Autoren überhaupt im Jahr mit Fernsehfilmen ihr Geld verdienen.

Dann kommen wir zu den Serien. Es gibt zur Zeit sieben Daily Soaps, die übers Jahr natürlich alle eine relativ große Anzahl von Autoren beschäftigen. Vom ständig anwesenden Chefautor bis hin zum Dialogautor, der mal hier und da eine Folge ausarbeitet, ist alles dabei. Ich kann hier nur von meinen Erfahrungen bei „Rote Rosen“ berichten, dass übers Jahr gesehen vielleicht 30 Autoren mal kürzer, mal länger in den unterschiedlichen Funktionen beschäftigt sind. Da es eine relativ große Fluktuation zwischen den verschiedenen Dailys gibt, schätze ich mal, dass auch hier nicht mehr als 200 Autoren längerfristig Arbeit finden.

Bei den wöchentlichen Serien ist es noch etwas schwieriger, Zahlen zu schätzen, weil es ständig Veränderungen gibt. Versuchen wir es auch hier einmal über die Sendeplätze. Davon gibt es ungefähr 25 (wovon zwei Drittel für Krimis reserviert sind …). Auf manchen Sendeplätzen laufen feste Serien mehr oder weniger über das ganze Jahr – wie die „Lindenstraße“. Auf anderen wechselt das Programm – wie z.B. Dienstag 20:15 in der ARD. Bei vielen Sendeplätzen gibt es auch hier eine längere Sommerpause, so dass wahrscheinlich nicht mehr als 1000 Folgen pro Jahr (30 bis 48 Minuten) geschrieben werden müssen. Bedenkt man, dass bei Serien Autoren in der Regel deutlich mehr als eine Folge pro Jahr schreiben, kann es eigentlich auch hier nicht mehr als 200 Autoren geben, die davon leben können.

Insgesamt komme ich – mit zugegebenermaßen sehr diskussionswürdigen Zahlen – auf maximal 100 Kinoautoren, 200 Fernsehfilmautoren, 200 Daily-Soap-Autoren und 200 Serienautoren. Da die Gattungen natürlich durchlässig sind – ich hab z.B. schon als Fernsehfilm-, Daily- und Serienautor gearbeitet, werden es insgesamt keine 700 Drehbuchautoren sein, die zur Zeit alleine von ihrer Arbeit als Autor leben können. Fragt man im Verband der Drehbuchautoren nach, erfährt man Schätzungen von 800 bis 1000 aktiven Autoren, wobei hier auch die Autoren von „Scripted Reality“ (also „K11“, „Niedrig und Kuhnt“ usw.) mitgerechnet werden – eine Gattung, mit der ich mich nicht auskenne. Aber wenn dort auch noch einmal 200 Leute beschäftigt sind, decken sich die Zahlen ja ungefähr.

Dem gegenüber steht eine wachsende Zahl von Filmhochschulen, Akademien oder Drehbuchkursen, die frisch ausgebildete Drehbuchautoren auf den Markt werfen. Jedes Jahr 50 bis 100 Leute, wie ich einmal schätzen würde. Dabei sind eigentlich schon genügend Autoren da. Gerade zur Boomzeit der Daily Soaps und Telenovelas 2005 wurden schlagartig mehr Autoren benötigt, so dass es zahlreiche Quereinsteiger gab. Böse gesagt hat damals jeder, der ein Word-Dokument erstellen konnte, eine Chance bekommen. Da heute im Fernsehbereich wieder deutlich weniger Fiktion produziert wird als noch vor einigen Jahren, gibt es nicht wenige – auch gute – Leute, die plötzlich nicht mehr unterkommen. Zusammenfassend kann man also einem Interessenten an dem Beruf des Drehbuchautors sagen: Es wird nicht gerade auf dich gewartet!

So viel erst einmal zu den nüchternen Fakten. Nächste Woche werde ich mich damit beschäftigen, was es denn braucht, wenn man TROTZDEM unbedingt Drehbuchautor werden will, um dann abschließend zu der spannenden Frage zu kommen, was man denn überhaupt verdienen kann …

Mein erster Oscar

Ich hab ja schon einmal einen Oscar bekommen. Hier:

Okay, natürlich war es nicht mein eigener. Es war aber trotzdem aufregend und ich musste damals den Reflex unterdrücken, spontan der Academy und meiner Mutter zu danken. Man zählte das Jahr 1993 und ich war nach meinem Zivildienst für sechs Wochen zu einem Austausch nach Kalifornien gefahren. Das ganze hieß zwar „Exchange-Program“, aber es wurde eigentlich nichts ausgetauscht. Vielmehr kam ich in einer netten Familie unter, die in Simi Valley lebte. Eine Kleinstadt vor den Toren von Los Angeles, die kurz zuvor dadurch aufgefallen war, dass dort der Rodney-King-Prozess stattgefunden hatte. Die Älteren werden sich erinnern: „Cant’t we all get along?

Meine amerikanische Familie lebte in einer netten Einfamilien-Haus-Gegend. Es gab eine Mom, einen Dad, drei erwachsene Kinder, die außer Haus waren, und – offensichtlich hatte man ein großes Herz – noch eine siebenjährige Adoptivtocher sowie ein Pflegebaby. Ich fügte mich da irgendwie nahtlos ein. Und fiel vor allem dadurch auf, dass ich „zu Fuß“ durch „die Stadt“ bummeln wollte. Was angesichts fehlender Fußgängerwege und fehlendem Stadtkern nicht möglich war. Es war offensichtlich meine erste Begegnung mit amerikanischen Kleinstädten. So galt ich schnell als verschroben. Auch dass ich ständig ins Kino wollte oder alle möglichen Filme auf Video auslieh, die in Deutschland noch nicht einmal im Kino liefen, wurde mit einem seufzenden Schulterzucken hingenommen. The crazy German guy.

Immerhin hatte man irgendwann kapiert, dass ich mich für Filme interessierte und erzählte mir beiläufig, als es auf die Oscar-Verleihung zuging: „Oh, by the way, our neighbour is nominated for an Oscar.“ Da klappte mir natürlich die Kinnlade runter und fortan beäugte ich die andere Straßenseite, wo Tom McCarthy wohnte, mit neuem Respekt. Tom McCarthy hatte im Jahr zuvor die Soundeffekte zu Francis Ford Coppolas „Dracula“ gemacht und war in dieser Funktion nun also nominiert.

Selten machte das Anschauen der Verleihung so viel Spaß. Nicht nur musste ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht mitten in der Nacht aufstehen, sondern vor allem drückte ich erstmals jemandem die Daumen, der nun immerhin mein Nachbar war. Und als er dann auch noch gewann, jubelte ich zusammen mit Mom und Dad voller Begeisterung. Auch wenn Soundeffekte mich bis dahin nicht die Bohne interessiert hatten. Noch glücklicher aber war ich, als zwei Tage später Mom nebenbei verkündete: „Well, we’re invited to a party at Toms place. You wanne come?“

Natürlich wollte ich und so betrat ich am Abend mit feuchten Händen das Haus des Oscargewinners. In einem Zimmer war ein riesiger Videobeamer aufgebaut, der immer und immer wieder den für ihn entscheidenden Moment der Oscar-Verleihung zeigte. Und dort stand natürlich auch er selbst, höchstpersönlich: Der Oscar. Ich wurde prompt Tom vorgestellt. Ein kleiner, freundlich lächelnder Glatzkopf, der mich sofort ins Herz schloss. Zumindest redete ich mir das ein. Anders hätte ich schwer jemandem erklären können, warum ich keine Skrupel hatte, ihm für den gesamten Rest des Abends nicht von der Seite zu weichen. Er hatte auch schon öfter für Spielberg und andere Größen gearbeitet, war für den Ton von „Jenseits von Afrika“ verantwortlich und seine Anekdoten von Coppolas Ranch im Napa Valley, wo sie zwischen den Weinbergen „Dracula“ geschnitten und gemischt hatten, konnte ich unzählige Male hören.

Die restlichen Partygäste nickten zu seinen Erzählungen eher amerikanisch oberflächlich. „Well, isn’t that amazing?“ Aber ich stellte ernsthafte Nachfragen und so bot mir der gute Mann dann auch noch von alleine an, dass seine Frau uns beide zusammen mit dem Oscar ablichten könnte. Eine Polaroidkamera war schnell zur Hand und plötzlich wurde mir der andere kleine Glatzkopf in die Hände gedrückt. Eins kann ich hier und jetzt verraten: Das Ding ist sauschwer! So stand ich dann da also da, in meiner Hand der Academy Award und es ist ja wohl klar, was ich in dem Moment gedacht habe: Das hier … das in meiner Hand, das ist nur der erste …

(Das Foto ist mir dieser Tage beim Entrümpeln des Kellers in die Hände gefallen. Ich wähnte es schon verloren und bin nun entsprechend erleichtert. Kommentare über die Frisur oder das Outfit bitte ich zu vermeiden. 🙂 Der obige Text basiert auf einem alten Text von mir, den ich vor vielen Jahren für jetzt.de geschrieben hatte.) 

Klappentext

Den Urlaub konnte ich tatsächlich nutzen, um meinen Roman „Soap“ noch einmal zu lesen. Wie bereits erwähnt habe ich das Manuskript vor zehn Jahren geschrieben und will es nun so überarbeiten, dass ich das Buch in absehbarer Zukunft selbst veröffentlichen kann. Seit Jahren habe ich es nicht mehr in die Hand genommen. Umso mehr hat es mich nun gefreut, dass es nach wie vor Spaß macht, den Entwurf zu lesen. Ich hab eine Menge kleinere Probleme gesehen, werde auch das ein oder andere Kapitel noch einmal neu schreiben, einiges „aktualisieren“, ergänzen usw. Aber die Struktur und der grundsätzliche Stil gefallen mir nach wie vor sehr.

Damit alle, die es interessiert, an dem nun bevorstehenden Arbeitsprozess teilhaben können, hier einmal ein erster Teaser, worum es in dem Roman eigentlich geht. So oder so ähnlich könnte ein späterer Klappentext aussehen. Also der Text, der dem potentiellen Leser das Buch schmackhaft machen soll. Der Text, der auf Internetseiten, Werbeflyern oder auch im Buch selbst neugierig macht und einen ersten Eindruck vermittelt. Man kann mich nun beim Wort nehmen: Ich freue mich über Feedback. Jeder freundliche Kommentar darüber, ob einen der Text anspricht, ist für mich eine willkommene Hilfestellung. Denn wie gesagt: Ich möchte die Arbeit an „Soap“ gerne „interaktiv“ gestalten.

Hier der „Klappentext“:

Die große Liebe, Intrigen, verbotener Sex, Selbstmordversuche, ungewollte Schwangerschaften, Verrat und der sichere Tod vor den Augen. Nachdem der Filmstudent Markus als neuer Autor bei der berühmtesten deutschen Soap engagiert wurde, muss er sich mit diesen Dramen beschäftigen. Bei der Arbeit? Nein! In seinem eigenen Leben. Denn im Autorenteam trifft er auf seine Traumfrau. Die Freundin des Chefautors. Doch damit fangen die Probleme nur an. Plötzlich jagt ein Fiasko das nächste. Als die überraschenden Wendungen Markus’ Leben immer mehr zu reinsten Soap Opera machen, dämmert ihm, dass das doch alles kein Zufall sein kann …

Michael Meisheit – seit 15 Jahren Drehbuchautor bei der „Lindenstraße“ – gibt mit seinem Debütroman „Soap“ einen augenzwinkernden Einblick in das Leben und Leiden eines Serienautors. Während sich rasant das Leben seines jungen Helden zum mustergültigen Drama entwickelt, schaut der Leser hinter die Kulissen einer Fernsehproduktion wie man es sonst nie kann.

Also: Würde dich ein Buch mit einem solchen Inhalt interessieren? Nein? Warum nicht? Und außerdem: Taugt der Text als Klappentext? Oder sind bestimmte Formulierungen Stolpersteine? Ich bin gespannt …

Ollilympia

Ich liebe ja unsere Zuschauer. Keine andere Serie wird mit solch einer Leidenschaft wahrgenommen und nirgendwo sonst fühlen sich die Zuschauer dermaßen involviert, dass sie es schon fast als persönlichen Angriff empfinden, wenn in der guten alten „Lindenstraße“ etwas nicht so läuft, wie sie sich das vorstellen. Es ist, als ob man eine Familie mit mehreren Millionen Leuten hat, in der jeder seine Eigenheiten, Wünsche und Empfindlichkeiten mit einbringt. Aber klar, die Meisten schauen die „Lindenstraße“ seit 26 Jahren. Sie sind buchstäblich groß geworden mit den Beimers, Zenkers und Dr. Dressler. Viele haben zu den Lindenstraßen-Figuren eine ähnlich enge Beziehung wie zu ihren echten Verwandten. Da kann man nachvollziehen, dass manche Entwicklungen den ein oder anderen Zuschauer über das normale Maß (bei einer Fernsehsendung) hinaus berühren.

Als Autor wird man deswegen manchmal etwas unfair behandelt, denn man ist ja sozusagen der Strippenzieher in der Familie und im Zweifelsfall persönlich daran Schuld, wenn ein Zuschauer unzufrieden ist. Selbst wenn man gar nichts dafür kann, weil die Hintergründe für bestimmte Geschichten weit komplexer sind. Selbst wenn einen tatsächlichen Fehler andere verbockt haben. Selbst wenn das Kritisierte vielen anderen Zuschauern gefallen hat. Kaum jemand bei der „Lindenstraße“ wird so oft öffentlich kritisiert oder gar beleidigt wie „die Autoren“. Bitte nicht falsch verstehen: Das ist Teil meines Berufes und längst unter Hinzunahme einer dicken Haut akzeptiert. Um nichts in der Welt würde ich unsere Zuschauer gegen gleichgültige Wegzapper eintauschen wollen.

Dennoch wundere auch ich mich immer wieder – und nun kommen wir zur gestern ausgestrahlten Folge „Ollilympia“ – wie extrem oder auch verbissen unsere Zuschauer doch sein können. Bei Facebook habe ich bereits meine Verwunderung über Teile der dortigen recht ausfallenden Kommentare ausgedrückt. Hier will ich aber noch einmal auf eines meiner Lieblingsthemen in diesem Zusammenhang eingehen: Erstaunlich viele Zuschauer beschäftigen sich ÜBERHAUPT nicht damit, wie denn die anderen Zuschauer ein bestimmtes Thema sehen. Während ich dies hier schreibe, hat die Folge bei Facebook über 500 „Gefällt mir“, was rekordverdächtig ist, und dennoch schreiben zahlreiche Leute z.B., dass „kein Mensch“ so etwas sehen will oder dass dies faktisch die schlechteste Folge aller Zeiten war. Teilweise direkt unter freudigen Kommentaren, wie gut so eine Abwechslung mal getan hat.

Genau das sollte es sein. Eine Abwechslung. Wir sind alle nicht happy damit, dass dieses Jahr an zwei Sonntagen keine „Lindenstraße“ läuft. Als Autoren wollten wir diesen unglücklichen Umstand für eine besondere Folge nutzen, die aus dem Rahmen fällt. Nach der Pause werden wir dafür wieder mit ordentlich Drama einsteigen – der Herbst hat es in sich! Ich hab auch an anderer Stelle schon die Kritik akzeptiert, dass man das „Besondere“ an der Folge vorher hätte besser kommunizieren können. Allerdings wurde es ja innerhalb der Folge auch sehr schnell deutlich. Natürlich kann jeder gerne sagen „das war nicht mein Ding“, gerade bei Humor in der „Lindenstraße“ scheiden sich stets die Geister. Aber auch ein Autor wird ja mal davon träumen dürfen, dass er aus der Reihe tanzt und die unzufriedenen hunderttausenden Verwandte dies mit einem „So ist er halt“ schulterzuckend akzeptieren.

Fragen? Antworten! (2)

Mittlerweile ist die Seite „Fragen? Fragen!“ zur am häufigsten aufgerufenen Einzelseite dieses Blogs geworden. Grund genug endlich mal wieder einige Fragen von den Lesern zu beantworten:

 

Wenn ihr aktualisiert, dann in letzter Zeit ja sehr häufig mit einer völlig neu gedrehten Szene. Habt ihr dann schon beim Schreiben im Kopf, welche alte Szene dann von vornherein der Aktualisierung zum Opfer fallen wird, bzw. am ehesten könnte!

Es wird in der Regel immer kurzfristig entschieden, welche Szene wir bei der „Lindenstraße“ für die Aktualisierung nehmen – also welche Szene mit einem aktuellen Thema versehen neu geschrieben und neu gedreht wird. Kurzfristig heißt am Montag der Woche, in der die Folge sonntags ausgestrahlt wird. Am Dienstag wird die Szene dann meistens geschrieben, Mittwoch oder manchmal auch Donnerstag gedreht.

Aus zwei Gründen geht das nur so kurzfristig: Zum Einen sollte das aktuelle Thema einigermaßen zu den Figuren passen, die in der Szene vorkommen. Das weiß man natürlich erst, wenn man das Thema hat. Entscheidender ist aber noch, dass die entsprechenden Schauspieler greifbar sein müssen und auch der Schauplatz, an dem gedreht wird. Wir befinden uns dann schließlich ca. drei Monate nach der eigentlichen Drehzeit dieser Folge und dann kann ein Schauplatzmotiv schon einmal ganz anders aussehen oder gar nicht mehr da sein …

Es ist aber in der Regel so, dass durch das Aktualisieren keine ursprüngliche Szene verloren geht. Wenn es nicht sowieso eine zusätzliche Szene ist (weil wir noch etwas Platz in der Folge hatte), dann wird meistens eine vorhandene Szene inhaltlich etwas abgeändert und neu gedreht.

 

Du standest ja auch schon vor vielen Jahren, zusammen mit Joachim Friedmann, in einer kleinen Rolle für die Lindenstraße vor der Kamera. Reizt es Dich generell manchmal Dir auch die ein oder andere kleine Rolle ins Drehbuch zu schreiben?

Wie man auch damals in der Folge 761 sehen konnte, hält sich mein schauspielerisches Talent in Grenzen. Das war zwar ein großer Spaß, aber ich bin tatsächlich einfach zu aufgeregt. Als Statist würde ich vielleicht mal wieder durchs Bild huschen, aber da ich meistens nur zu intensiven Arbeitstagen in Köln bin, reicht dafür die Zeit eher nicht.

 

Wie und wann entstehen eigentlich die Folgentitel der einzelnen “Lindenstraße”-Episoden? Immer erst nachdem das jeweilige Drehbuch fertig ist? Hast Du als Autor freie Hand beim Folgentitel oder musst Du ihn auch von Deinen Autorenkollegen und von Hans W. Geißendörfer “absegnen” lassen? Früher war es oftmals so, dass der Folgentitel so gewählt war, dass er nicht nur auf einen, sondern meist auf zwei, im Idealfall sogar auf alle drei in der Folge erzählten Handlungsstränge passte. Dabei musste man manchmal ganz schön um die Ecke denken, aber das hat mir immer sehr gefallen. Ich würde mich deshalb freuen, wenn ihr diese Tradition wieder aufleben lassen würdet.

Die Folgentitel bei der „Lindenstraße“ legt jeder Autor für seine Folgen selbst fest. Ich mache das meistens am Ende der Arbeit an der Folge – wobei sich manchmal auch schon während des Schreibens Begriffe „aufdrängen“. Theoretisch haben wir dabei völlig freie Hand, mit der „kleinen“ Einschränkung, dass kein Titel gewählt werden darf, den es schon gegeben hat. Bei über 1400 Folgen macht es das natürlich nicht ganz so einfach.

Und es erklärt vielleicht auch ein wenig, warum ich kein großer Freund der früheren Tradition bin, mit einem Titel Bezug zu allen Strängen zu nehmen. Wenn man wie im ersten Jahr Folgen „Mutterliebe“, „Geld“ oder „Ein Unglück kommt selten allein“ nennen kann, ist es etwas einfacher, viele Handlungen damit abzudecken. Manchmal findet man auch heute noch etwas auf alle Stränge passendes. Aber mir gefällt es mehr, prägnante Begriffe aus der Folge zu nehmen, so dass man sich leichter an die Folge erinnern kann, wenn man den Titel hört. So hießen einige meiner letzten ausgestrahlten Folgen zum Beispiel „Thomas Müller“, „Die Schlange“ oder „Flashmob“. Das müsste bei regelmäßigen Zuschauern Erinnerungen auslösen, oder?

 

Warum gibt es in der Serie keine Charaktere mehr ,die Haustiere haben?
 Eine ganze Straße ohne Hundehalter entspricht ja wohl nicht dem selbstgestellten Realitätsanspruch.

Die Antwort ist so einfach wie sie unbefriedigend ist: Mit Tieren zu drehen ist ein sehr, sehr großer Aufwand, den man sich bei einem recht engem Zeitplan wie dem der „Lindenstraße“ (im Vergleich zu Filmen) kaum leisten kann. Und es geht bei einer lang laufenden Serie ja nicht nur darum, dass man für die entsprechenden Szenen ein „funktionierendes“ Tier benötigt, es muss auch jemand das Tier außerhalb des Drehs betreuen. Schon alleine die Fische, die jahrelang bei den Zenkers in der Wohnung standen, waren ein echte Herausforderung in Drehfreien Zeiten und ähnlichem. Dazu kommt halt die Unberechenbarkeit beim Dreh – selbst bei trainierten Hunden – so dass wir Autoren eindringlich gebeten wurden, Handlungen mit Tieren sehr zu limitieren.

 

Lassen sich die Autoren auch von ausländischen Serials (insbes. Coronation Street) inspirieren oder sind die dortigen Verhältnisse nicht auf Deutschland übertragbar?

Als Autor lässt man sich eigentlich von allem inspirieren, was man selbst schaut. In meinem Fall sind das derzeit eher amerikanische Serien wie „Breaking Bad“, „How I met your mother“ oder „Mad Men“, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Wobei natürlich hier die Verhältnisse noch viel weniger „übertragbar“ sind. Aber es kann ja auch gar nicht darum gehen, Handlungen aus anderen Serien Eins-zu-Eins zu übernehmen. Es geht eher darum, dass man mal ein Thema interessant findet, eine Konstellation oder vielleicht auch nur eine Kleinigkeit. Zum Beispiel war ich damals von der Echtzeitfolge bei „Friends“ beeindruckt, als ich vorschlug, dass wir mit Folge 909 dasselbe machen. Die Handlungen sind natürlich trotzdem komplett anders.

Die „Coronation Street“ hat zwar die Erschaffung der „Lindenstraße“ beeinflusst, aber ich selbst hab sie höchstens zwei oder drei Mal bei England-Besuchen gesehen. Sie ist entsprechend bei unseren Plotentwicklungen eigentlich nie Thema. Ich war allerdings gerade im letzten Jahr wieder in London, so dass tatsächlich bald etwas zu sehen sein wird, das ganz entfernt von der Mutter aller Soaps beeinflusst wurde …

 

Damit sind aus meiner Sicht erst einmal alle Fragen beantwortet. Ich freue mich auf weitere Fragen. Auch sehr gerne zu meiner Arbeit außerhalb der „Lindenstraße“ bzw. zur Arbeit eines Drehbuchautors allgemein.

 

Die Macht des Zuschauers

Als bei der Fußball-WM 2010 nach dem grandiosen Sieg der deutschen Nationalmannschaft über England plötzlich die Meldung über den Bildschirm lief, dass die „Lindenstraße“ auf 5 Uhr morgens verschoben wird, blieb mir das wohlverdiente Grillwürstchen vor Schreck im Halse stecken. Grund war nicht eine Verlängerung oder ein Elfmeterschießen, sondern die „großartige Stimmung“ im Lande und die Unmöglichkeit, etwas von „Waldis WM-Club“ abknapsen zu können. Das war hart. Und ein bis dahin einmaliger Vorgang. Entsprechend groß war der Frust bei allen Beteiligten hinter der Kamera. Eine Folge mehr oder weniger für die Katz geschrieben und gedreht, denn morgens um 5 Uhr schauten logischerweise nicht ganz so viele Leute zu wie sonst.

Allerdings hatte ich nicht mit der Macht des Fernsehzuschauers gerechnet. Die sollte mich in den Tagen nach dieser Verschiebung sehr beeindrucken. Denn offensichtlich gingen bei der ARD bzw. dem WDR so viele Proteste durch Zuschauer ein, dass der Sender irgendwann einlenkte und die Folge kurzerhand am darauffolgenden Sonntag mit der regulären Folge im Doppelpack zeigte. Ebenfalls ein einmaliger Vorgang. Ich war verdammt stolz auf unsere Zuschauer, die sich ihre „Lindenstraße“ sozusagen eigenhändig zurück ins Abendprogramm geholt hatten. Ich war aber auch beeindruckt davon, dass die große ARD das Ohr sehr genau an der Stimmung ihrer Zuschauer hatte und in der Lage war, adäquat zu reagieren. Das fand ich mehr als erfreulich.

Im Bezug auf die ARD ist dies auch kein Einzelfall. Ein Jahr zuvor – im Sommer 2009 hatte ein Protest von „Lindenstraßen“-Zuschauer ebenfalls Gehör gefunden. Man hatte auf Eins-Festival die bis dahin wochentäglich laufenden Wiederholungen alter Folgen der „Lindenstraße“ plötzlich bei meiner Folge 829 abgesetzt, um wieder bei Folge 1 zu starten. Dabei war es für viele Fans ein liebgewonnenes Ritual, jeden Abend die alten Folgen zu schauen. Und sie wollten natürlich nun auch wissen, ob die Intrige von Valerie gegen Mary und Alex Erfolg hatte. Also bewegten sich auch in diesem Fall zahlreiche Zuschauer an den Computer, das Briefpapier oder das Telefon. Und protestierten beim Sender. Mit dem Erfolg, dass einige Wochen später verkündet wurde, dass die Wiederholungen ab Folge 830 an einem zusätzlichen Termin – Samstags – wieder aufgegriffen werden. Deswegen laufen heute wochentäglich und samstäglich alte Folgen. (Übriges derzeit sowohl am Wochentag als auch am Samstag Folgen aus meiner Feder.)

In beiden Fällen konnten die Proteste zwar nicht dazu führen, dass die gewohnten Ausstrahlungen normal weiterliefen – das Kind war ja sozusagen schon in den Brunnen gefallen. Aber der Sender hat gezeigt, dass ihm die Meinung seiner Zuschauer wichtig ist und er zu reagieren weiß. Am Sonntag wird nun zum ersten Mal in der Geschichte der „Lindenstraße“ keine Folge gesendet. Zwei Wochen später ist dies erneut der Fall. Wegen der olympischen Spiele in London. Es wird deswegen keine Handlung fehlen, denn uns Autoren waren die Umstände frühzeitig bekannt – wir haben sogar mit einer besonderen Folge „in der Mitte“ und dem Auftritt vom „fiesen Olli“ darauf reagieren können. Aber dennoch ist dies natürlich wieder einmal ein Bruch mit der Tradition. Man kann sich also vorstellen, dass ich nun sehr gespannt bin, wie diesmal die Zuschauer reagieren werden und zu was dies beim Sender führt …

Bloß nicht das Handtuch werfen

Ich liebe es ja, in der Türkei Urlaub zu machen. Nicht nur aus den offensichtlichen Gründen – Familie, Sonne, Meer. Sondern es sind auch die vielen Kleinigkeiten, die ich einmal dem „türkischen Wesen“ zuschreiben will und an denen ich mich erfreuen kann.

Zum Beispiel beim Umgang mit Kindern. Der Türke LIEBT Kinder. Wenn man hier mit zwei weinenden Kleinkindern in einem Restaurant auftaucht, wird man nicht etwa schief angeguckt oder darum gebeten, schnell weiterzugehen. Nein, es wird sofort aus Stühlen und Sitzkissen ein Bett für die Kleine gebaut, während der Große von diversen Kellnern davon geschleppt und unterhalten wird. Man muss eher aufpassen, dass man seine Kinder auch irgendwann mal zurückbekommt, als dass sie stören – denn die anderen Gäste wollen die entzückenden Kleinen schließlich auch mal auf den Arm nehmen.

So setzt sich das mit der entspannten Lebensweise in allen Bereichen fort. Wecken die Reinigungskräfte im Ferienapartment durch ihr Klingeln aus Versehen die Kindern, kommen sie nach einer Stunde mit ein paar Blumen als Entschuldigung zurück und bespaßen die Kleinen. Hat man ein Problem, bietet meist schon jemand unbürokratisch Hilfe an, bevor man gefragt hat. Und selbst mit meinem mangelhaften Türkisch komme ich gar nicht um einen kleinen Plausch herum, wenn ich irgendwo einkaufe. Wobei mein Tarzan-Türkisch immer sehr wohlwollend aufgenommen oder sogar gelobt wird. Kein Vergleich dazu, was andersherum einem Türken in Berlin passieren kann.

Nun ist mir in den letzten Tagen aber eine Entwicklung aufgefallen, die ich bedenklich finde. Äußert bedenklich! Ich nenne es mal „westliche Einflüsse“, mit denen ich vor ein paar Jahren noch nicht gerechnet hätte. Am Strand unserer Feriensiedlung ein erstes Indiz: Im sandigen, flachen Bereich, der perfekt für kleine Kinder ist und daher unser tägliches Ziel, tummelten sich usbekische, turkmenisch oder kasachische Nannys mit den kleinen türkischen Kindern. Die Eltern tauchten – wenn überhaupt – ausgeschlafen nach ein paar Stunden auf, um sich dann zum Tee trinken und mit den Nachbarn plaudern auf die Liegen zu hauen, anstatt sich persönlich um ihre Kindern zu kümmern. Das waren doch nicht die Kinderliebenden Türken, wie wir sie kannten. Gut, in diese Kritik mischt sich abgrundtiefer Neid, weil wir auch gerne wenigstens EINMAL ausschlafen würden, aber trotzdem! Das ist neu!

Und dann heute Morgen der Beweis, dass dieses Land in eine verheerende Richtung steuert. Wir sind notgedrungen immer unter den Ersten, die morgens an den Strand kommen. Während wir unsere Liegen im sandigen Bereich aufbauen, sehe ich dort bereits zwei Liegen stehen, auf denen Handtücher liegen. Weit und breit kein Besitzer zu sehen. Mh. Komisch, denke ich noch. Und dann durchfährt es mich wie ein Blitz: Die haben sich doch nicht etwa Liegen mit ihren Handtüchern reserviert??? Ich schaue mich genauer um und es bietet sich mir ein Bild des Schreckens:

Was sieht man? Leere Liegen. Mit Handtüchern drauf. Aber es ist niemand da. Kein Mensch. Und so sieht es überall in der ersten Reihe aus. Praktisch alle guten Liegen sind mit Handtüchern blockiert, einer zutiefst deutschen und von mir zutiefst verabscheuten Praxis. Dazu muss man wissen: In diese Feriensiedlung kommen nur türkische Familien – höchstens mal ergänzt durch einen Enischte (Angeheirateten) wie mich. Und während ich noch staunend mit offenem Mund eine weitere Liege aufbauen will, damit unsere Kleine darauf schlafen kann, taucht ein Strandwächter auf und erklärt uns, dass wir keine zusätzliche Liege haben können. Jeder Schirm bekommt ZWEI Liegen. Punkt. Aus. Meine Frau – die ihre ganze Kindheit in dieser Siedlung verbracht hat – fragt, seit wann es denn solche Regeln gibt und bekommt ein türkisches „Das haben wir schon immer so gemacht“ an den Kopf geworfen. (Was natürlich nicht stimmt.) Auf den Hinweis, dass wir nur noch gerne eine Liege für die Kleine (ein Kind!) hätten und ja schließlich außer Handtüchern sonst kaum jemand da ist, bekommen wir das türkische Äquivalent von „Da kann ja jeder kommen“ zu hören. Unnachgiebig stampft der Mann davon und kackt eine usbekische Nanny zusammen, die gerade ein Schwimmkrokodil aufbläst. Sie hat sich offensichtlich auch illegal eine dritte Liege genommen. Spricht allerdings nicht so gut türkisch. „Two“ höre ich den Strandwächter immer wieder betonen, während er auf türkisch „Wo kommen wir denn da hin“ flucht. Dabei wedelt er der ratlosen Nanny mit zwei Fingern vor ihrem Gesicht herum. Gestisch bedeutet er ihr, dass die überzählige Liege schleunigst zurück zu ihrem Pendant an einem freien Schirm muss. Schließlich geht er davon auf der Suche nach weiteren Regelbrechern. Die usbekische Nanny sitzt grübelnd mit ihrem halb aufgeblasenen Krokodil da. Ich bedauere sie zutiefst und denke mir: Wo ist es mit diesem Land hingekommen? Das ist ja, als ob ich in Stuttgart an den Strand will!

Schließlich nimmt die Nanny die illegale Liege und schleift sie zu besagtem Schirm. Doch sie stellt sie nicht einfach ab, sondern annektiert kurzerhand den freien Schirm und reserviert BEIDE Liegen mit ein paar Handtüchern für sich und das betreute türkische Kind. Jetzt hat sie vier Liegen. Bravo, denke ich. Das System unterlaufen. Es mit seinen eigenen Regeln schlagen. Ich nehme mir zwei Handtücher und ziehe los zu ein paar freien Liegen. Es formiert sich usbekisch-deutscher Widerstand! Gegen das türkische Preußentum bzw. preußische Türkentum! Ich mein: Wo kommen wir denn sonst hin?

Urlaubs-Algebra (für Fortgeschrittene)

Löse folgende Textaufgabe:

Die Eltern fahren nach einem anstrengenden Jahr zur Erholung mit ZWEI Kindern (ein Kind ist DREI Jahre alt, das andere SIEBEN Monate) in die Türkei in den Urlaub. Die Anreise dauert ZWÖLF Stunden (1x Umsteigen, 1x verspäteter Flug, 1x Mietwagen nicht da, wo er sein soll.) Sie führen mit sich DREI Koffer mit einem Gesamtgewicht von SECHZIG Kilo und EINEN Kindersitz, während der ZWEITE Kindersitz vor Ort beim Mietwagen sein soll. Ist er nicht. Einen HALBEN Nervenzusammenbruch später lässt er sich dann doch noch auftreiben.

Vor Ort in Bodrum sind es in der Sonne DREIUNDFÜNZIG Grad, das sind VIERZIG Grad mehr als am Ausgangsort der Familie. In der Mietwohnung sind NULL wichtige Haushaltsartikel, weswegen sie am ersten Tag mit beiden Kindern einen Großeinkauf für ZWEIHUNDERT Euro starten müssen. Wenn das große Kind mittags schlafen soll, hat das kleine Kind regelmäßig einen lauten Laberflash, der nahtlos in Weinen übergeht, so dass das große Kind mit EINER Stunde Verspätung erst einschläft. Der Shuttle-Bus zum Strand fährt jeweils zur vollen Stunde, das große Kind wacht pünktlich ZWEI Minuten nach der vollen Stunde auf. Am Strand sind NULL Liegen frei und ACHTHUNDERT Menschen im Wasser. Das Gewicht des Strandrucksacks beträgt gefühlte DREISSIG Kilo. Das Aufblasen des Wasserballs führt beinahe zu EINEM Kreislaufkollaps. Beim Versuch den Wasserball zu fangen, verliert EIN Kind das Gleichgewicht und bekommt aufgrund des Auftriebs der Schwimmwindel den Kopf nicht mehr aus dem Wasser. Wiederbelebungsversuch bei EINER Mutter wegen Schreck fürs Leben beinahe notwendig.

Am Abend beläuft sich die Füllung der Gasflasche fürs Kochen auf NULL Milliliter, weswegen die Küche kalt bleibt. Die Reste des Essens sind dennoch interessant für ZWEIUNDVIERZIG Ameisen.  Das ältere Kind ist nicht vor DREIUNDZWANZIG Uhr müde (siehe später Mittagsschlaf). Die Eltern dagegen schon. In der Nacht „kühlt“ es auf DREISSIG Grad ab, nur nicht im „Jungszimmer“, dort ist der Sauerstoffgehalt in der Luft ungefähr gleich NULL. Das jüngere Kind wacht morgens um SECHS Uhr auf. Die reine Schlafzeit der Eltern beläuft sich angesichts von im Schlaf um sich tretenden Kindern und Trinkbedürfnissen auf ca. VIER Stunden.

Berechne nun den Erholungsfaktor der Eltern.

Soap

Ich hab ja mal einen Roman geschrieben. Das ist viele, viele Jahre her. Ich war auf einem sehr schönen Tauchurlaub und hatte in den Tiefen des Meeres die Eingebung, dass meine Erfahrungen als junger, ahnungsloser Autor bei einer legendären Fernsehserie doch eine gute Basis für eine spannende und witzige Geschichte sein könnten. So entstand „Soap“, die Geschichte eines jungen, ahnungslosen Autors, der zu einer legendären Fernsehserie kommt und dessen Leben dadurch immer mehr zur Soap wird.

Mir gefiel der Roman ja ganz gut. Einigen Leuten, die ihn gelesen haben, ebenfalls. Eine Literatur-Agentin war sogar so angetan, dass sie mich unter Vertrag nahm. Allerdings konnten weder sie noch ich den Stoff bei einem Verlag unterbringen. „Medien funktioniert nicht in Romanen“ war die oft gehört Absage neben den üblichen formellen „Passt nicht ins Programm“-Briefen. Die Agentin wollte dann auch lieber, dass ich etwas Neues schreibe, weil sie meinen Stil mochte, aber nicht an den vorliegenden Stoff glaubte. „Soap“ landete im „Alte-Texte“-Word-Ordner und schlummert dort seit vielen Jahren vor sich hin.

Nun ist ein neues Zeitalter angebrochen. Verlage sind sicher immer noch die Möglichkeit Nummer Eins, sein Buch an die Öffentlichkeit zu bringen, aber mittels Internet und den technischen Möglichkeiten (Ebooks etc.) ist das Selbstveröffentlichen von Büchern weit einfacher geworden. Manch einer hat sogar Erfolg damit. Und da ich ständig höre (und auch selbst sage), dass wir Autoren uns neue Wege erschließen müssen, um an unser Publikum zu gelangen, will ich nun den Selbstversuch starten, das Buch alleine auf den „Markt“ zu bringen.

Ich fahre morgen in den Urlaub, neben mir rattert der Drucker und wirft die derzeit 264 Seiten des Romans aus, den ich nun zunächst einmal erneut lesen werde. Ich erinnere  mich, dass ich selbst mit vielem noch nicht zufrieden war – besonders dem Anfang. Daher werde ich nun die nächsten Arbeitsfreien Wochen – auch nach dem Urlaub – nutzen, um die Geschichte auf Vordermann zu bringen, den modernen Gegebenheiten anzupassen und die seitdem gemachten weiteren zehn Jahre Erfahrung im Fernsehgeschäft mit einzubauen. Ich freue mich darauf! Und habe schon erste Ideen.

Da ich aber prinzipiell ein träger Mensch bin, der ohne Deadline durch Sender oder Produktionsfirmen gerne mal etwas versanden lässt, werde ich die Überarbeitung öffentlich in meinem Blog begleiten. In der Hoffnung, dass der interessierte Leser mir Feedback, Input und den notwendigen Tritt in den Hintern gibt. In loser Folge werde ich in den nächsten Monaten immer wieder mal über den Stand der Dinge berichten, Meinungen einholen, vielleicht auch mal vorab Auszüge posten, die dann kritisiert werden können. Und so weiter. Ich hab da noch keinen genauen Plan, der wird sich bilden. Wer also möchte, kann „live“ miterleben, wie die Arbeit vonstatten geht, welche Probleme es zu lösen gibt und was dann am Ende daraus wird.

Trotzdem werde ich nicht alle Inhalt verraten, denn ein wesentliches Merkmal des Romans ist, dass jedes Kapitel mit einem sehr klassischen Cliffhanger endet, die im zunehmendem Maße dramatischer werden. Soap eben. So gibt es alle klassischen Elementen, reichlich (verbotene) Liebe und Sex, Intrigen, Dramen und Tränen. Aber neben alldem soll der Roman auch eine ironisch-kritische Betrachtung des Fernsehgeschäfts sein. Aus der Sicht eines jungen, ahnungslosen Autors. So, jetzt werde ich aber erst einmal die 26 Kapitel aus meiner Vergangenheit lesen und mich dann wieder melden …

Du bist raus

„Wir haben zu viele Figuren“. Diesen Satz wiederhole ich gebetsmühlenartig auf jeder Storylinesitzung der „Lindenstraße“. Und ich bin ja nun schon eine ganze Weile dabei. Doch wenn man genau hinschaut: deutlich weniger Figuren als 1997 haben wir immer noch nicht. Und das ist zu verständlich. Niemand trennt sich gerne von lieb gewonnenen Figuren und natürlich auch Schauspielern. Jedes Mal wenn die Debatte aufflammt, welche Figur man eventuell streichen könnte, finden sich für jeden einzelnen Vorschlag mehr Gegner als Befürworter. Wir haben diese Figuren meist selbst geschaffen, uns mit ihnen angefreundet, gelitten, gebangt und uns gefreut. Dann kann man sie nicht einfach so davonjagen. Auch wenn es aus dramaturgischer Sicht sinnvoll wäre. Viel zu oft versinken bei uns Figuren im unscharfen Hintergrund oder werden auf Weltreise geschickt, weil wir einfach keinen Platz haben, um mit ihnen mehr zu erzählen. Oder es werden Geschichten unnatürlich verknappt, weil da noch so viele Straßenbewohner warten, deren Entwicklung auch spannend ist. Ein ewiges Dilemma …

Dennoch, es passiert. Wir trennen uns von Figuren. Meist um Platz für neue zu schaffen. Ich hab das jetzt nicht nachgezählt, würde aber behaupten, dass trotzdem die Fälle, in denen wir von uns aus eine Figur rausschreiben noch immer in der Minderzahl sind. Häufiger möchten die Darsteller gehen – aus den unterschiedlichsten Gründen. Und auch wenn es sicher mal Fälle gegeben hat, wo die Leistung oder das Verhalten eines Schauspielers der Auslöser war, ist dies doch die Ausnahme.

Genauso wenig Auswirkung haben übrigens die Aufrufe der Zuschauer, diesen oder jenen doch bitte endlich rauszuschmeißen. Das hat vor allem zwei Gründe: es gibt so gut wie keine Figur in der „Lindenstraße“, die nicht genauso glühende Verehrer hat wie sie von anderen nicht mehr gesehen werden kann. Wir haben eine so heterogene Zuschauerschaft, dass Umfragen regelmäßig keine verwertbaren Erkenntnisse bringen, denn die Meinungen sind meist gespalten. Der zweite Grund ist aber noch wesentlicher: Man kann den Zuschauer nicht Ernst nehmen! Das klingt hart, ist aber nicht böse gemeint. Die Mehrzahl der Zuschauer will – wenn man sie fragt – sympathische Menschen sehen. Leute, mit denen man sich identifizieren kann. Und die vermeintlich bösen, zerbrochenen und mit Mängeln versehenen sollen am Liebsten verschwinden. Aber das funktioniert aus dramaturgischer Sicht nicht. Die negativen Figuren bringen die spannenden Geschichten, denn an ihnen können die anderen sich reiben. Und so bin ich mir auch sicher, dass genau dieselben Zuschauer, die eine unsympathische Figur raus haben wollen, sich über Langeweile beschweren würden, wenn die Figur nicht mehr da wäre.

Wenn Schauspieler von sich aus die Straße verlassen wollen, dann müssen sie das natürlich mit langem Vorlauf ankündigen. Denn die Geschichten stehen ein bis eineinhalb Jahre im Voraus fest. Dramatischer wird es, wenn Schauspieler aus gesundheitlichen Gründen plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehen oder im Extremfall sogar überraschend sterben. Leider habe ich dies in meiner Laufbahn gleich mehrfach erlebt. Es ist aufwendig und fordernd genug, wenn man bestehende Geschichten zum Beispiel wegen der Schwangerschaft einer Schauspielerin kurzfristig umschreiben muss. Aber immerhin ist der Anlass hier ein freudiger. Bei einem Todesfall ist das, was parallel zur Trauer auf das Team zukommt, eine harte Prüfung für alle.

Ich erinnere mich noch sehr gut an den überraschenden und viel zu frühen Tod der unvergesslichen Ute Mora. Natürlich ist für solch einen Fall nichts vorbereitet – um auf die Frage einer Leserin einzugehen. Damals trafen die Autoren sich sehr kurzfristig und arbeiteten alles um, was mit der Figur Berta Griese geplant war. Was bis zu dem Tag, an dem sie nicht mehr Drehen konnte, gedreht war, wurde genutzt, danach musste auch die Figur Berta so plötzlich und unerwartet sterben, wie es ihre einzigartige Darstellerin getan hatte – eine Umbesetzung kam für uns nie in Frage. Entstanden ist dadurch eine völlig andere Folge 936 als geplant, die gerade dadurch etwas ganz besonderes geworden ist. Natürlich auch dadurch, dass die Emotionen der Darsteller um Berta herum ganz einfach echt waren. Trotzdem hätten alle nur zu gerne auf diese Folge verzichtet.

Das Rausschreiben von Figuren ist meistens eine zweischneidige Sache. Auch wenn es nicht so traurige Hintergründe für das Ende einer Figur gibt, ist es immer ein Abschied von jemandem liebgewonnen. Dennoch entstehen oft außergewöhnliche Folgen dadurch, denn kaum jemand geht bei uns ohne großes Drama. Und das Positive ist in jedem Fall: Es ist Platz für neue Figuren, deren Einführung eigentlich ein großer Spaß für jeden Autor ist. Nur eins ändert sich so offensichtlich nie: Dass wir zu viel Figuren haben …